#99 Trauma - emotionales Essen und Bulimie 

Transformations - Inspiration

Was ich heute beleuchten möchte, ist der Zusammenhang zwischen emotionalem Essen und Trauma. Emotionales Essen und auch Bulimie, auf die ich später noch einmal genauer eingehen werde, sind beides Formen von Essverhalten, die etwas suchthaftes haben.....

 

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In dieser Folge erfährst Du: 

  • was emotionales Essen und Bulimie sind
  • etwas über den Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen
  • was das Nervensystem mit diesen Kompensationsstrategien erreichen möchte
  • was es für mögliche Lösungen gibt, um in einen heilsamen Prozess zu gelangen

 

In dieser Folge widme ich mich einem Thema, zu dem ich schon zahlreiche Fragen bekommen habe und das deswegen dieses Mal dran ist. Das Thema ist viel zu reichhaltig und viel zu groß für eine einzelne Podcastfolge, wie so viele dieser Themen, die in meinem Podcast angeschnitten werden. Ich möchte trotzdem versuchen, so viel wie möglich an hilfreichem Essenziellem zu diesem Thema hier mit dir zu teilen. Es geht um den Zusammenhang zwischen Trauma und Essen. Mich haben viele Fragen erreicht zu dem Themenfeld emotionales Essen und auch zu dem Themenfeld Bulimie, sodass ich darauf jetzt eingehen möchte. Du findest im Internet ganz vieles und auch viel sehr Gutes zum Thema emotionales Essen. Einige Menschen haben sich auf dieses Thema spezialisiert, weil es so viele Menschen betrifft. Ich möchte einfach diesen einen Ausschnitt beleuchten, den Zusammenhang mit Trauma. Solltest du selbst von diesem Thema betroffen sein, wünsche ich dir ganz wohltuende „Aha“-Erlebnisse und Erkenntnisse, die dich stärken. Wenn du nicht betroffen sein solltest, was ich dir natürlich von Herzen wünsche, dann wirst du in dieser Folge einige Informationen bekommen, die dich dabei unterstützen, deine Mitmenschen noch besser zu verstehen. In diesem Sinne also viel Freude und Inspiration beim Lauschen.

Emotionales Essen

Essen ist generell ein recht emotionales Thema. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, als ich nach dem Abi in der Gastronomie jobbte und Menschen im Service begegnete. Mir fiel schon damals auf, dass manche Verhaltensweisen im Bezug auf Essen sehr besonders waren. So hatte ich ganz oft das Gefühl, dass Menschen, die sich zum Beispiel mit einem Essen nicht zufrieden fühlten mir wie Kinder begegneten. In einer trotzigen oder motzigen Haltung oder in einer Haltung, die nicht besonders kontrolliert oder reguliert wirkte, sondern die oft sehr emotional war. Das hat mich schon damals stutzig gemacht. Heute kann ich mir mein Gefühl von damals so erklären, dass Menschen Essen und Nahrung häufig als etwas empfinden, was weit mehr bedient oder erfüllt, als nur das Stillen von Hunger. Natürlich ist Essen etwas, was wir verbinden mit Genuss, mit schönen Momenten, mit Ästhetik, mit feinen Nuancen, vielleicht auch mit Achtsamkeit, mit Lebenskraft usw.. Das ist aber nicht die Ebene, auf die ich heute hinaus mag. Ich möchte auf die Ebene hinaus, die vermutlich viele von den Lauschenden hier kennen. Nämlich die Ebene, auf deer Essen etwas ist, was einen belastet. Was nicht in dieser Weise kultiviert oder gelebt wird, wo es nur um Genuss geht oder um das gesunde Stillen eines körperlichen Hungers. Es hat sich in letzter Zeit der Begriff des "emotionalen Essens" entwickelt. Das ist keine Diagnose, das beschreibt nicht ein Symptom im psychopathologischen Sinne. Es ist ein Begriff, der ein Phänomen umschreibt, das viele Menschen kennen. Dieser Begriff beschreibt vereinfach gesagt, das Essen, das eben nicht dem Stillen eines körperlichen Bedürfnisses des Hungers dient, sondern das darüber hinaus geht und das, ganz vereinfacht gesagt, eher viel mehr den Auftrag erfüllt, ein emotionales Bedürfnis zu stillen. Du findest in den Shownotes ein paar Links zum Thema "Emotionales Essen".

Essen als Sucht

Was ich heute beleuchten möchte, ist der Zusammenhang zwischen emotionalem Essen und Trauma. Emotionales Essen und auch Bulimie, auf die ich später noch einmal genauer eingehen werde, sind beides Formen von Essverhalten, die etwas suchthaftes haben. Die also mit einem inneren "Suchtdruck" verbunden sind. Man hat, wenn man unter emotionalem Essen leidet, nicht die Wahl es anders zu machen ohne dass es einem schlecht geht. Eine Sucht ist aus der traumatherapeutischen Sichtweise immer zu verstehen als eine Kompensationsstrategie für ein darunterliegendes, dem zugrunde liegendes, ungelöstes Thema. Eine Sucht kann man auch als eine alte Lösungsstrategie verstehen. Hier mag ich dich einladen der Folge „Trauma und Sucht“ zu lauschen, die ich vor einer Weile aufgenommen habe. Vielleicht ist es gut, sie vor dieser Folge zu hören. Du findest sie in den Shownotes verlinkt. Auch auf diesen Aspekt werde ich später noch einmal genauer eingehen.

Essen als Kompensationsstrategie

Wenn wir mit so etwas wie Süchten konfrontiert sind. Egal ob es sich um Essen, Bulimie oder andere Strategien wie suchthaft Sport zu betreiben, exzessiv Computer zu spielen, Serien zu schauen oder was auch immer, dann ist hinlänglich bekannt, auch natürlich in der traumatherapeutischen Ebene, dass die Symptombekämpfung nicht nachhaltig hilft, weil das Symptom nie das eigentliche Problem ist. Wenn wir am Symptom arbeiten, z.B. wenn wir ausschließlich verhaltenstherapeutisch arbeiten, um andere Muster zu lernen und andere Gewohnheiten zu etablieren, dann kommt es, wenn Trauma im Hintergrund ist und daraus eine Sucht entstanden ist, häufig zur Symptomverschiebung. Z.B., wenn man emotional isst und das über eine Verhaltensebene versucht zu lösen, verschiebt sich vielleicht das Symptom z.B. auf ein exzessives Sporttreiben. Also in eine andere Ebene, die auch nicht gesund und nicht maßvoll ist. Wenn wir auf der traumatherapeutischen Ebene schauen, dann können wir natürlich solche Fragen stellen wie „Was ist das unerfüllte Bedürfnis? Was ist das mit Spannung geladene, innere, unverarbeitete Geschehen, was mit dem Essen bspw. kompensiert wird? Was ist das Bedürfnis, das damit verknüpft ist, das durch das Essen kompensiert wird?“. Es kann z.B. sein, dass es ein unerfülltes Bedürfnis nach Trost gibt. Dass es eine Verlassenheitswunde in der eigenen Biografie gibt, die eben mit Mangel an Trost und Verbundenheit und Sicherheit zusammenhängt. Also kann es sein, dass wir über das Essen Trost suchen und deswegen damit kompensieren. Oder das Essen dient dazu, sich abzulenken von einer anderen Wahrnehmung, körperlich, emotional oder mental. Manchmal, und das betrifft besonders die Bulimie worauf ich noch komme, kann Dissoziation eine große Rolle spielen. Dass wir über ein exzessives Essen bspw. versuchen, aus unserem Körper herauszudriften und uns mit der eigenen Wahrnehmung in eine andere Schwingung, in eine andere Welt, in eine andere, größere Distanz zu uns selbst zu beamen. Es kann auch sein, dass wir unwillkürlich über das Essen körperliche Effekte erzielen wollen. Weil Essen auf eine Art den Vagusnerv stimuliert. Also aus der traumatherapeutischen, forschenden Sicht heraus, können wir Fragen stellen „Wozu dient das Essen? Wozu dient das Suchtmuster generell?“ und wir können fragen „Welcher Anteil ist das, der da isst? Welcher Anteil ist das, der in solcher Not ist, dass er eine solche Überlebensstrategie, eine solche Kompensationsstrategie noch so machtvoll in unser Bewusstsein spielt?“. Und wir können fragen „Welcher Anteil steht dahinter, den wir versuchen nicht zu spüren?“. Das sind schon eine Menge Fragen bzw. Möglichkeiten, um sich dem Thema hinzuwenden, die alle noch nachvollziehbarer werden, je mehr ich dir erzähle.

Co-Regulation als Ziel der Kompensationsstrategie

Ich möchte jetzt auf einen ganz wichtigen Aspekt eingehen. Wahrscheinlich können wir davon ausgehen, dass jede suchthafte Kompensationsstrategie oder alte Lösungsstrategie im Grunde den Sinn und Zweck erfüllt, eine Co-Regulation herbeizuführen. Das bedeutet, dass wir in einer frühkindlichen Phase oder vielleicht sequenziell über längere Zeit in unserer Kindheit, vielleicht auch der frühen Kindheit, nicht erlebt haben, in unseren intensiven Gefühlen, in unseren essentiellen Bedürfnissen gut abgeholt und betreut zu werden und feinfühlig reguliert zu werden. Anders gesagt haben wir Zustände erlebt, in denen das eigene Nervensystem sehr erregt und außerhalb der eigenen Stresstoleranz war. In einem gewissen Alter in unserem Leben können wir uns noch nicht einmal selbst regulieren. Wir haben Stress erlebt und nicht erlebt, dass uns eine Bindungsperson, eine zugewandte bezogene, wichtige Person geholfen hat, uns zu regulieren, in dem sie uns Trost, Nähe und Sicherheit gespendet hat. Das ist im Grunde der Kern vom Begriff Entwicklungstrauma, über den ich auch schon viel gesprochen habe und auch hierzu findest du Shownotes zu den Podcastfolgen, die ich dazu schon aufgenommen habe. Wenn wir das als Kinder, als sehr feinfühlige, zarte und sehr beinflussbare Wesen erleben, dass wir nicht genügend Co-Regulation erhalten, dann fällt es uns sehr schwer, Selbstregulation zu lernen. Dann müssen wir als Kinder Kompensationsstrategien entwickeln. Das ist neurobiologisch auch recht interessant, weil da ganz viel biochemisch eine Rolle spielt. Ich versuche das hier einmal ganz kurz zusammenzufassen und mag dich hier einladen, der Folge zur Polyvagaltheorie zu lauschen, die du auch in den Shownotes verlinkt findest. Wenn wir als Kinder in hohem Stress sind, dann sind in unserem Organismus sehr viele Stresshormone unterwegs, die ausgeschüttet werden im hohen Stress. Wenn wir Co-Reguliert werden, uns jemand tröstet und hilft, aus der hohen Erregung in unserem Nervensystem wieder herauszufinden, dann werden diese Hormone wieder abgebaut.

Überdecken und Funktionieren anstatt zu Regulieren

Wenn wir Co-Regulation nicht erhalten und Kompensationsstrategien finden müssen, um eine Ersatz-Co-Regulation zu kreieren, dann ist es selten so, dass wir wirklich aus dem Stress wieder herauskommen. Das bedeutet, die Kompensationsstrategien, die als Ersatz für fehlende Co-Regulation eingesetzt werden, bringen uns nicht wieder in einen entspannten Zustand, sondern überdecken die hohe Erregung, die da ist. Sie haben einen anderen Effekt. Die Beruhigung, die dann eintritt, ist nicht eine wirkliche Entspannung, sondern sie hat eine andere Grundlage. Es ist nicht die Beruhigung, die die Stresshormone wieder absinken lässt in ein entspanntes Niveau, sondern wenn wir kompensieren, dann bleibt der Stress bestehen, aber es gelingt uns mit unserem Bewusstsein in einen anderen Zustand zu geraten, der dann am ehesten zu vergleichen ist mit dem Begriff des Funktionierens. Manchmal ist es auch so, dass uns Kompensationsstrategien in die Untererregung pfeffern, sozusagen. Also, dass sie uns aus der hohen Erregung herausholen aber nicht in die Entspannung oder in das Stresstoleranzfenster, in eine Empfindung von Gleichgewicht und Stabilität, sondern in die Untererregung, wo es still ist, wo wir uns dissoziiert fühlen. Das ist eine ganz kurze Zusammenfassung, die etwas sehr wesentliches sichtbar machen soll. Nämlich, dass fast alle Süchte, zumindest die, bei denen Trauma im Hintergrund eine Rolle spielt, eigentlich ein Ersatz für fehlende Co-Regulation sind und deswegen später die Suchtmittel oder Verhaltensweisen die Co-Regulatoren sind, die aber nicht in die Entspannung führen, sondern schlichtweg nur kompensieren. Das ist eine wichtige Erklärung dafür zu verstehen, warum Menschen, die Trauma im Hintergrund haben, es sehr schwer haben, von ihren Süchten oder ihren suchthaften Gewohnheiten wegzukommen. Dass sie beispielsweise nicht über verhaltenstherapeutische Maßnahmen allein in ein Gefühl von Heilung kommen. Sondern, dass Menschen bei denen Trauma in der Biografie auslösend ist für sogenannte Suchtmuster, lernen müssen, ihre Selbstregulation zu stärken und aus der Abhängigkeit von einem Co-Regulativ herauszuheilen.

Was hat das mit dem Essen im Speziellen zu tun? Der Ursprung…

Vielleicht hast du schon etwas von der Polyvagaltheorie gehört, die ich vorhin schon erwähnt habe, wenn nicht, dann lausche wie gesagt dieser Podcastfolge. Ich werde nur auf einen Aspekt eingehen. Stephen Porges, der Begründer der Polyvagatheorie, ein ganz faszinierender Wissenschaftler und feinfühliger Menschenversteher, hat herausgefunden, welche Muskelgruppen in unserem Körper unseren Vagusnerv stimulieren, bzw. einfacher gesagt, einen Teil unseres sogenannten parasympathischen Nervensystems, der für Entspannung und Beruhigung zuständig ist. Ein wichtiger Muskel bzw. wichtige Muskelgruppen um den Vagusnerv, der uns zur Entspannung verhilft zu triggern, sind die Muskeln des Zungengrundes und auch des Kehlkopfes und verschiedene Muskeln im Gesicht und Hals. Wenn du dir einen Säugling vorstellst, der an der Brust der Mutter nuckelt und seine Nahrung, die gute Nahrung der Mutterbrust empfängt, dann kannst du dir vorstellen, dass genau diese Muskelgruppen beteiligt sind. Es wird gesaugt und geschluckt und ein Verdauungsprozess setzt ein. Stillen ist mit das beruhigendste, was wir kleinen Babys schenken können. Stillen hat etwas sehr Bindungsförderndes auch für die Mutter. Nicht nur für den Säugling, sondern auch bei der Mutter werden beim Stillen verschiedene Hormone aktiviert, die eine starke Bindung zum Säugling unterstützen. Das heißt, unsere Natur ist so eingerichtet, dass wir in den frühesten Tagen und Monaten unseres Lebens über die Nahrung und die Stimulation dieser Muskelgruppen unser parasympathisches Nervensystem aktivieren und Entspannung entsteht. Das wiederum bedeutet, dass es bei vielen Menschen eine starke Kopplung gibt zwischen Essen, also dem Akt des Essens oder auch Trinkens und dem Gefühl von Vagusnervstimulation, also dem Gefühl von Beruhigung, Sicherheit und Geborgenheit. Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass ein Mensch, der frühkindlich gute Erfahrungen mit dem Gestilltwerden gemacht hat, daher eine gute, eine angenehmen, eine wohltuende Kopplung zwischen Essen und Entspannung in seinem Körperbewusstsein trägt. Dass es also auch so etwas gibt, wie ein Gefühl von "genug". „Ich bin satt. Ich bin jetzt genährt.“. Wenn frühkindlich hier viel Stress geladen war oder die Beziehung zur Mutter schon frühkindlich sehr angespannt war, dann kann es sein, dass es auch hier eine Kopplung gibt, die vielleicht noch im Körperbewusstsein wirkt. Was aber wichtig ist, ist generell auf dem Schirmchen zu haben, dass Essen eine körperliche Wirkung hat. Dass also durch Nahrungsaufnahme, durch Kauen, Schlucken und den in Gang kommenden Verdauungsprozess unser Vagusnerv, unser parasympathisches Nervensystem getriggert wird. Das kann also ein Teil des inneren Impulses sein, der zu emotionalem Essen führt. Ein tiefer Wunsch nach Beruhigung, Sicherheit und Geborgenheit, der im Inneren schlummert. Dass da ein kindlicher Anteil ist, der genau danach sucht und der über die Nahrungsaufnahme sozusagen immer wieder versucht, das Nervensystem auf diese Art und Weise zu stimulieren. Leider ist diese Stimulation nicht nachhaltig, weil sie in dem Moment nur ein Reiz ist aber keine Kaskade daraus folgt, so lange eben ein unerfülltes Bedürfnis tief, tief darunter begründet liegt. Also besonders wenn eben traumatische Erfahrungen im Hintergrund liegen. Mit dieser Erklärung wird auch noch einmal deutlich, dass emotionales Essen, und auch andere Süchte natürlich, Versuche sind, die Co-Regulation, die gefehlt hat, zu ersetzen und hier sehen wir eben auch tatsächlich die körperliche Entsprechung über unser Nervensystem. Nun möchte ich, bevor ich zu Impulsen komme, wie man anders damit umgehen kann oder wie man in eine Lösungsenergie kommen kann, etwas zur Bulimie sagen.

Bulimie, Dissoziation und Schuldgefühle

Bulimie ist eine Essstörung, die unglaublich viele Menschen betrifft. Überwiegend Frauen, aber Männer holen hier auch kräftig nach. Weil dieses Symptom oder die sogenannte Störung häufig nicht klinisch bekannt wird, also viele Menschen damit nicht zu einem Therapeuten oder zu einem Arzt gehen, gibt es vermutlich eine sehr hohe Dunkelziffer. Bulimie beschreibt die sogenannte Ess-Brechsucht. Das bedeutet, Betroffene Essen viel, in einer anfallsartigen Art und Weise, und erbrechen danach dieses Essen wieder. Viele Menschen, die das nicht kennen oder sich damit nicht beschäftigt haben, gehen davon aus, dass bei den betroffenen Menschen das Thema Gewicht eine prominente Rolle spielt. Das ist aber selten so bei Bulimie. Manchmal ist das ein Aufhänger, der dazu führt, aber häufig begleitet die Bulimie Menschen so viele Jahre; manche Menschen sind in diesen Jahren entweder übergewichtig oder normalgewichtig oder untergewichtig und das Thema das Gewicht zu halten oder abzunehmen ist nicht vordergründig. Es steckt oft etwas anderes dahinter, nämlich ein Muster der Dissoziation. Ich habe mit vielen betroffenen Frauen, wie auch einigen Männern gesprochen, die unter Bulimie litten. In der Forschung mit ihnen gemeinsam wurde in allen Fällen deutlich, dass das Essen und das Erbrechen eine ganz andere Aufgabe erfüllt. Alle Betroffenen beschrieben mir, dass sie im Essen, also im sogenannten Essanfall in eine Art Trance gerieten. Vielleicht auch schon in dem Moment, in dem die Entscheidung unwillkürlich gefallen ist, jetzt zu essen oder sich dem Essen hinzugeben. Der tranceartige Zustand kann auch bereits in dem Supermarkt, wo ein Einkauf getätigt wird, einsetzen, also auch hier bereits eine Dissoziation beginnen und dann findet der ganze Vorgang des Essens bis hin zum Erbrechen in einer Art Nebel statt und verläuft in einer Art tranceartigem Zustand. Dieser Zustand endet dann nach dem Erbrechen mit einer Art bösem Erwachen in Schuldgefühlen, in Müdigkeit, in Erschöpfung. Ähnlich wie bei einem Kater, wenn man zu viel getrunken hat, bzw. noch viel ähnlicher einem Hangover nach dem Missbrauch bzw. der Selbstmedikation mit anderen Rauschmitteln, die dann plötzlich in einen Rebound Effekt münden, z.B. in einer Art depressive Stimmung oder Leere. Ganz ähnlich ist es auch in der Bulimie. Das bedeutet, die Betroffenen beschreiben mir einen Zustand der Trance, der Dissoziation, der in dem Moment sehr intensiv ist und der danach in diesen Schuld- und Schamgefühlen mündet, die wie eine Keule zurückschnalzen. Wenn wir das Thema Dissoziation hier weiter betrachten, dann könnte man auch fragen, welcher Anteil ist das? Ist das ein kindlicher, ein jugendlicher Anteil, sind das mehrere Anteile, die in die Dissoziation führen bzw. die diesen Zustand des tranceartigen Empfindens also der Dissoziation tragen? In diesem Falle beschreibt die Dissoziation also das Des-Assoziieren von der erwachsenen Person, die sich selbst führt, kontrolliert und versorgt. Anders gesagt, die Betroffenen rutschen in ihrer Wahrnehmung, in ihrem Erleben in einen Anteil hinein und dissoziieren damit vom erwachsenen Ich, oder von dem beobachtenden Gewahrsein. Das ist wohl genau der Zweck, den diese Handlung oder dieses Geschehen vor allem verfolgt. Nämlich eine Pause zu haben von etwas anderem, was innerlich sehr anstrengend ist. Die Menschen, die ich kennenlernen durfte, die so etwas wie eine Bulimie überwunden haben, sind Menschen, die intensive, sorgfältige Traumatherapie erlebt haben. Sodass das Symptom der Bulimie sich unterwegs lösen konnte, dass der Druck, ich nenne es in diesem Kontext nun so, der „Suchtdruck“ immer weiter sank und immer weniger das Symptom Raum einnehmen musste. Das bedeutet, je mehr die betroffenen Personen ihre eigene Dynamik verstanden haben und je mehr sie gelernt haben, ihre Selbstregulation zu stärken und einzusetzen und sich mit ihrem Körper zu verbinden, desto weniger Raum nahm das Symptom ein. Bei manchen Menschen, die ich begleitet habe, ist es immer noch so, dass sie in sehr hochstressigen Phasen wieder in dieses Symptom hineinrutschen. Das ist dann so etwas ist wie eine Notfallmedikation auch wenn das vielleicht schönredend klingt. Es erfüllt in diesem Moment diesen Zweck. Das kann vielleicht umstritten sein, aber ich bin der Meinung, dass es in Ordnung sein kann, wenn ein solches Symptom in gewissen Phasen wieder durchbricht. Wenn es z.B. helfen kann, nicht komplett zu destabilisieren. Meiner Ansicht, meiner Meinung und meiner Erfahrung nach ist Bulimie ein Suchtmuster, das insbesondere zur Dissoziation dienen soll. Wenn du betroffen sein solltest, dann freue ich mich natürlich, wenn du mir deine Sichtweise mitteilen magst. Denn ich lerne immer so gerne von anderen Menschen und insbesondere von Betroffenen.

Wende dich wohlwollend deinen eigenen Bedürfnissen zu

Was wichtig ist, falls du betroffen sein solltest von Bulimie oder auch vom emotionalen Essen und geplagt sein solltest von Schuld- und Schamgefühlen, dann mag ich dich auch hier einladen, ganz besonders zu lauschen, wenn ich jetzt etwas über die möglichen Lösungswege sage. Denn Schuld- und Schamgefühle sind natürlich, das ist klar, nicht hilfreich für einen Heilungsprozess, aber sie sind treu und sie sind auch sehr durchsetzungsstark. Leider haben sie den Effekt, dass sie das darunterliegende Problem, was wir versuchen mit dem Suchtthema zu kompensieren, verstärken. Wenn Schuld- und Schamgefühle dazukommen, dann folgt darauf meist die Abwertung, die Selbstabwertung, die Selbstbeschämung und die Selbstbeschuldigung. Damit stärken wir die Distanz und Entfremdung von dem was hier eigentlich Hinwendung, Trost und Heilung bräuchte. Nun also die Frage, was kannst du tun, wenn du betroffen sein solltest? Wie kannst du Menschen inspirieren, die betroffen sind, sich selbst zu helfen? Ich habe vorhin schon viele Fragen gestellt, die hilfreich sein können. Die Fragen wozu das Suchtmuster, das Essen oder die Bulimie dient. Herauszufinden, was das dahinterliegende Bedürfnis ist, das gestillt werden soll. Die Frage zu stellen, welcher Anteil ist das und dann selbstverständlich mit diesen Anteilen und den Bedürfnissen, die du entdeckst, liebevoll, wohlwollend, zugewandt zu arbeiten und dich auseinanderzusetzen. Natürlich ist es grundlegend von essenzieller Wichtigkeit, etwas Essenzielles im Blick zu haben. Nämlich das Lernen von Selbstregulation. Dazu findest du auch etwas in den Shownotes. Selbstregulation zu lernen ist sehr, sehr, sehr essenziell, um irgendwelche Symptome abbauen zu können. Weil Symptome, wie gesagt, in der Regel Kompensationsstrategien darstellen. Es wäre wichtig, die Kompensationsstrategie von dem Bedürfnis, was darunterliegt zu entkoppeln. Das geht, indem du dir darüber bewusst wirst und dann, indem du nach und nach versuchst, andere sogenannt „Nahrung“ zu finden, die das Bedürfnis wirklich stillen könnte. Da die fehlende Co-Regulation dazu geführt hat, dass die eigene Selbstregulation nicht stark ausgeprägt ist, kann es sehr hilfreich sein, zu schauen, was dir generell hilft, dich zu regulieren. Also neben der Selbstregulation auch Co-Regulatoren zu finden, die gesund sind. Wie beispielsweise liebevoll wohltuende Musik oder sanfte Bewegung. Der Kontakt zu einem lebenden Wesen, einem Menschen, einem Tier oder was auch immer hier wirklich nährend ist und dir das Gefühl gibt, in Verbindung zu gehen. Also über Verbundenheit dich selbst besser zu spüren. Generell ist es sehr hilfreich für solche Prozesse, wenn etwas so Tiefes, mit Trauma Verbundenes heilen möchte, das beobachtende Gewahrsein zu stärken. Den Anteil in dir, der wohlwollend beobachten kann. Darüber habe ich auch schon viel gesagt in anderen Folgen. Je mehr du dein beobachtendes Gewahrsein stärkst, was übrigens ein Ausdruck deiner Selbstregulation ist oder mit ihr Hand in Hand geht, desto mehr kannst du auf dich selbst Einfluss nehmen, ohne dass du dich selbst abwürgen musst. Du kannst also beginnen, dich selbst in den Kompensationsstrategien zu beobachten und nach und nach immer mehr Einfluss auf dich zu nehmen. Es wäre sehr ungünstig, wenn wir die Komplexität dieser Themen unterschätzen würden. Das tun wir oft, indem wir so denken: da ist ein Symptom, da ist eine Ursache, also müssen wir die Ursache lösen, dann ist das Symptom weg. Wenn Trauma im Hintergrund ist, sind aber meistens, bezogen auf Entwicklungstrauma, die dahinterliegenden Strukturen komplex. Es gibt Verknüpfungen, es gibt Verbindungen, es betrifft viele Anteile, es betrifft lange gepflegte und gut gewachsene Verhaltensmuster und neuronale Netzwerke. Deswegen ist es so wichtig, sich hier Zeit zu lassen und wohlwollend zu sein, Schritt für Schritt vorzugehen und vor allem an dem Grundthema der Selbstregulation zu arbeiten, um nach und nach Einfluss zu nehmen auf die noch immer wirkenden, ungünstigen Ersatzstrategien. Wie auch immer wieder von mir wiederholt: gehe sanft, liebevoll und wohlwollend mit dir vor. Forschend, zugewandt und in einer Haltung, dich selbst dafür zu achten, dass das, was du als Symptom und auch leidvolles Symptom erlebst, eigentlich eine Lösungsstrategie war, die noch heute eine Rolle spielt, während du bereits in der Lage bist, etwas anderes zu lernen. Etwas anderes zu lernen ist das, was in diesem Falle ansteht, was Zeit, Geduld und Hinwendung braucht. In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass ich dir ein paar wohltuende oder hilfreiche Impulse geben konnte, dass du dich inspiriert fühlst, dich selbst oder deine Mitmenschen liebevoll oder wohlwollend zu betrachten. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg beim Einsetzen dieser neuen Erkenntnisse und beim Umsetzen der Inspirationen, die ich vorgeschlagen habe.

 

Shownotes:

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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