#101 Wohin mit meinem Schuldgefühl?

Transformations - Inspiration

Diese heutige Folge ist eine Folge, die ich mal wieder aus den verschiedensten Zuschriften heraus "eingedampft" habe. Es ist ein Destillat von vielen Fragen, rund um das Thema Schuldgefühle...

 

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In dieser Folge erfährst Du: 

  • welche Dynamik Schuldgefühle durch die Weitergabe von Trauma entwickeln können
  • wie ein Schuldgefühl toxisch werden kann
  • was die Täter-Opfer-Umkehr mit diesem Thema zutun hat
  • welche Rolle Vergebung spielt
  • dass Verantwortungsbewusstsein ein Schlüssel zur Heilung ist

 

Es soll in dieser Folge nicht um das Thema Schuld gehen und die Dynamik von Schuld und Schulgefühl, sondern um die Frage, was mache ich mit einem Schuldgefühl, wenn ich das Gefühl habe schuldig zu sein? Es wird darum gehen, wie wir mit einer eigenen Schuld und dem dazugehörigen Schuldgefühl umgehen können. Ich möchte in dieser Folge etwas darüber sagen und wie wir mit Schuldgefühlen umgehen können, wie wir mit der Last einer sogenannten Schuld umgehen können. Es soll auch darum gehen, was für Tücken ein Schuldgefühl bereithält, in was für Fallstricken wir uns verheddern können, wie wir uns selbst damit das Leben übermäßig schwermachen können und wie eine gewisse Toxizität in diesem Gefühl schlummern kann. Ich möchte gerne einige Beispiele nennen, anhand derer ich all das beschreibe. Selbstverständlich tue ich das aus der traumatherapeutischen Perspektive. Dem Thema Schuldgefühle möchte ich mich wie gesagt zuwenden, weil ich dazu einige Zuschriften erhalten habe und auch an meiner Facebookgruppe, der Transformationsinsel, hierzu immer wieder Fragen auftauchen. Vor allem im Bezug auf die Weitergabe von eigenen Traumatisierungen an die eigenen Kinder, was zu einem schweren Schuldgefühl führen kann. Bevor du dieser Folge lauschst, möchte ich dich einladen eine andere Folge anzuhören, die sich mit dem Thema Schuld und Trauma schon befasst und in der ich einiges wirklich relevantes zum Thema Schuld und der Psychodynamik von Schuld beschreibe. In Folge #77 spreche ich über die Grundfunktion eines Schuldgefühls, über die gesellschaftliche Relevanz und auch über solche Themen wie die Manipulation durch Schuldgefühle, kollektive Schuld, Täter-Opfer-Umkehr und lauter wichtige Dinge. Unter anderem auch über Schuld als frühe Prägung. Es ist hilfreich, das vor dieser Folge zu hören. Ich mag dich also herzlich einladen hier zu pausieren und erst einmal Folge #77 zu lauschen.

Um welche Art von Schuld/Schulgefühl geht es hier?

Wenn man das Gefühl hat, Schuld auf sich geladen zu haben, eine Schuld zu tragen, dann ist das eine der quälendsten und grausamsten Empfindungen, die man nur so haben kann. Eine Schuld zu tragen ist ein Gefühl, das einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann und das Gefühl geben kann, die eigene Existenzberechtigung verloren zu haben. Ein Schuldgefühl ist also etwas existenzielles und es ist etwas, was sehr, sehr stark die Beziehung zu den Personen, oder der Person betrifft, gegenüber der wir uns schuldig fühlen. Das ist am Anfang wichtig noch einmal zu betonen. Denn ein Schuldgefühl ist definitiv nichts, was wir entscheiden können, nicht mehr zu haben. Schuldgefühle sind so intensiv, dass wir uns ihnen wirklich zuwenden müssen, damit wir sie transformieren können. Schuldgefühle sind auch sehr schwer zu verdrängen. Sie wirken in der unterbewussten Ebene, oder im Untergrund auf einer starken Art, sodass wir, wenn wir ein Schuldgefühl verdrängen, das deutlich spüren können in der Beziehungsdynamik mit den betroffenen Menschen. Die Ebenbürtigkeit geht verloren. Die innere Freiheit ist total eingeschränkt. Das eigene Selbstwertgefühl ist schwer betroffen und eine existenzielle Ebene ist hier berührt. In Folge #77 habe ich darüber gesprochen wie Trauma und Schuldgefühle zusammenhängen und wie relevant die frühen Prägungen sind in unserem Empfinden und in unserer Beziehung zu Schuld und schuldhaften Handlungen. Ich möchte hier an dieser Stelle noch einmal eine Differenzierung einführen, bzw. eine Definition. Ich möchte klar benennen, was ich meine, wenn ich hier jetzt von Schuld spreche. Von Schuld spreche ich in dem Moment, wenn ich einem anderen Menschen ein Leid zugefügt habe, was ihn versehrt hat. Dann empfinde ich ein Schuldgefühl, das eine gewisse Berechtigung hat. Ich spreche hier jetzt nicht von den Schuldgefühlen, die sich, ich sage es mal "ungerechterweise" ergeben aus frühen Prägungen und aus schuldhafter Verarbeitung von frühen Prägungen, aus Schutzstrategien, die uns schützen sollen vor einem eigenen Gefühl des Opferseins. (All das, was ich in Folge #77 beschrieben habe, davon spreche ich jetzt nicht.) Sondern ich spreche von dem Schuldgefühl, was sich ergibt aus einer Tatsache, dass jemand anderes durch mein Dasein, meine Handlung, mein Verhalten zum Opfer wurde, bzw. leidet und Schmerz empfindet.

Arten von Schuldgefühlen

Hier möchte ich einige Beispiele aufzählen, auf die ich später teilweise genauer eingehen werde, um zu erklären worum es geht. Es gibt gute Gründe sich schuldig zu fühlen, wenn jemand anderes durch einen selbst Schmerz erleidet. Man möchte das natürlich nicht, es sei denn man ist sadistisch veranlagt, das ist aber vermutlich niemand von den Zuhörer*innen hier. Hier ein paar Beispiele aus meiner Praxis, also aus dem Leben: Es gibt Schuldgefühle gegenüber Schwächeren, wenn wir beispielsweise eine Überlebensschuld fühlen. Vielleicht ist ein Zwilling im Mutterleib gestorben und man selbst hat überlebt. Vielleicht hat man ein Schuldgefühl gegenüber einem Geschwisterkind, das noch härter von den Eltern bestraft wurde und das vielleicht heute viel geschwächter und versehrter im Leben steht. Es gibt Schuldgefühle, wenn man jemanden verletzt hat, indem man beispielsweise in einer Beziehung eine Affäre hatte, oder fremdgegangen ist. Es gibt die Schuldgefühle nach Kontaktabbruch, weil man Angst hat, jemand anderes könnte dadurch verletzt sein oder leiden. Häufig beschreiben mir Klienten/Klientinnen ein Schuldgefühl gegenüber ihren eigenen Kindern, weil sie das Gefühl haben, dass sie ihre eigene Traumatisierung weitergeben, weil sie sich noch nicht gut genug selbst regulieren können, hin und wieder oder immer wieder ungeduldig, gereizt oder sogar aggressiv sind. Darauf werde ich später genauer eingehen. Es gibt natürlich auch Schuldgefühle, wenn wir tatsächlich jemanden körperlich zum Opfer gemacht haben, beispielsweise durch einen Verkehrsunfall. Durch ein versehentliches Vergehen, was zu einem Schaden eines anderen geführt hat. Natürlich gibt es auch die Schuldgefühle, wenn man jemanden angelogen hat und dadurch sich ungünstige Dynamiken entsponnen haben und vieles, vieles mehr.

Die Dynamik von Schuldgefühlen

All diesen Beispielen ist gemein, dass die sich schuldig fühlenden Person davon überzeugt ist, oder es weiß, dass jemand anderes wegen ihr leidet. Feinfühlige Menschen, Menschen mit Empathie, Menschen mit einem Herz im Leib, leiden darunter, wenn jemand anderes, wegen ihnen leidet. Was machen wir damit? In einer solchen Situation stehen wir als Menschen vor einem Dilemma. Wir wollen gerne etwas wiedergutmachen, was möglicherweise nicht wiedergutmachbar ist. Wir möchten eine Beziehung wiederherstellen, die einen Schaden erlitten hat. Wir stehen vor dem großen, schweren Brocken der Schuld, der uns ganz klar das Gefühl gibt, dass das, was vorher noch heil war, jetzt einen Schaden genommen hat. Das Wissen, dass es nie wieder so sein kann wie zuvor oder dass es nie so gut werden kann, wie es hätte werden können, ist sehr quälend. Es bringt uns in eine große Herausforderung und stellt uns eine große Aufgabe - nämlich uns auf den Weg zu machen, aus dem was geschehen ist, dennoch etwas Gutes zu machen- was jetzt vielleicht ein bisschen kryptisch klingt. Die typische Dynamik mit einem Schuldgefühl ist die, dass man versucht, die Beziehung zu reparieren, so nenne ich es einmal. Wenn jemand sich sehr schuldig fühlt, dann wird er sich automatisch in eine unterwürfige Haltung begeben. Er wird sich dem Menschen gegenüber, dem er Schuld empfindet, klein machen und „anbiedern“. Das klingt jetzt ein bisschen inszeniert oder nach emotionsloser Absicht, aber das meine ich damit nicht. Er wird in einer unterwürfigen Haltung versuchen vom anderen Menschen eine Vergebung zu erfahren. Es ist also eine Bedürftigkeit da, bei demjenigen, der Schuld empfindet. Diese Bedürftigkeit wird demjenigen übertragen, der unter der Schuld des anderen leiden muss. Hier ist ein wesentlich schwieriger Punkt in der Schuld und Schuldgefühlsdynamik zwischen zwei Menschen. Wir sind in dem Moment, wenn wir uns schuldig fühlen, scheinbar angewiesen darauf, dass uns der andere Mensch vergibt. Dass er uns beispielsweise das Gefühl gibt, es wäre nicht so schlimm oder es wäre schon auch wieder in Ordnung. Das kann beruhigen, das kann auch eine Beziehung wieder mehr in die Balance bringen, aber innerlich ist trotzdem etwas versehrt. Ich möchte das konkret machen an einem Beispiel, einem oft gehörten Beispiel. Eine Mutter, die selbst schwer traumatisiert ist, 3 kleine Kinder hat und die das Gefühl hat, ihren 3 kleinen Kindern nicht gerecht werden zu können. Sie hat vielleicht schon viel über Trauma und die Traumadynamik gehört, befindet sich vielleicht sogar inzwischen oder schon länger in einer therapeutischen Begleitung. Ihr wird immer klarer, je mehr sie weiß, je mehr sie versteht, dass sie ihre eigenen Kinder nicht in der Art und Weise behandelt, wie es in ihrem Herzen eigentlich ihr Wunsch wäre. Sie gibt einiges an ihrer Erfahrung weiter, weil sie selbst nicht gut reguliert ist, weil sie immer wieder gereizt ist, weil ihr Stresstoleranzfenster eng ist und sie dadurch ihren Kindern gegenüber nicht die Mutter ist, die sie gerne sein würde. Das bedeutet, diese Mutter entwickelt, mit ihrem Wissen über Trauma, über die Versehrtheit einer kindlichen Psyche, ein Schuldgefühl ihren Kindern gegenüber. Sie fühlt sich ihren Kindern gegenüber immer schlechter und die einzelnen Situationen, die ihr nicht gut gelingen, werden immer schwerer aushaltbar für sie, sodass sie schon fast in eine depressive Symptomatik hineinrutscht. Ich beschreibe gerade schon eine Dynamik, die aus Schuldgefühlen entstehen kann, die eben toxisch werden kann, so wie ich es vorhin kurz angekündigt habe. In dem Moment, in dem wir uns schuldig fühlen, laufen wir Gefahr uns in dem Schuldgefühl zu verhaken und in der unterwürfigen Haltung, die im Grunde nach Vergebung oder auch Absolution ruft, zu verweilen. In der unterwürfigen Haltung zu existieren ist nicht die Haltung, in der wir irgendeine konstruktive Dynamik herbeiführen können.

Täter-Opfer-Umkehr – eine unbewusste Manipulation

Es ist hochnachvollziehbar, dass man in diese Energie stecken bleiben kann. Weil sie auch zu tun hat mit dem, was man selbst erlebt hat. Wenn man selbst traumatisiert wurde, dann weiß man, wie furchtbar es ist, so behandelt zu werden. Es ist kaum zu ertragen, wenn man sich selbst dann so erlebt, dass man selbst so handelt. Es wäre hier nachvollziehbar, wenn man in einem Schuldgefühl implodieren würde. Das erlebe ich auch immer wieder bei Klienten/Klientinnen, dass sie sich in dem Schuldgefühl in eine Position begeben, die toxisch auf die Beziehung in diesem Falle zu ihren eigenen Kindern wirkt. Es ist also sehr ungünstig, wenn man das eigene Schuldgefühl (das ist jetzt etwas krass ausgedrückt) dazu „benutzt“, um in eine Opferrolle hineinzugehen. Das ist eine andere Täter-Opfer-Umkehr, als die die ich in #77 beschrieben habe. Es gibt also die Tendenz, wenn man sich selbst schuldig fühlt, sich in eine Opferrolle zu begeben und sich dem andern gegenüber in seinem Schuldgefühl so klein zu machen, dass der andere schon fast wieder ein Schuldgefühl bekommt, wenn er nicht vergibt, wenn er nicht großzügig ist, wenn er nicht wieder den ersten Schritt macht. Das ist eine oft unbewusste Manipulation über das Schuldgefühl, die damit zu tun hat, dass es so schwer aushaltbar ist, sich schuldig zu fühlen. Solltest du das Gefühl kennen, von deinem Schuldgefühl so geplagt zu sein, dass du dich schon selbst ganz furchtbar in der Opferrolle fühlst, (was wie gesagt, nachvollziehbar ist, ich sage das ohne Bewertung) dann mag ich dich ganz herzlich einladen: werde dir bewusst, dass du damit etwas in der Beziehung manipulierst, was beiden Seiten nicht hilft. Denn wenn du dein Schuldgefühl benutzt, um dich in eine Opferrolle hinein zu lavieren, dann umgehst du die Heilungsmöglichkeit.

Schuldgefühl gegenüber den eigenen Kindern

Die Heilungsmöglichkeit besteht darin, die Verantwortung zu übernehmen. Aus dem Schuldgefühl ein Verantwortungsbewusstsein zu machen, statt ihm auszuweichen und in der Opferrolle zu stranden. Ich habe schon unglaublich destruktive Dynamiken gesehen, wenn sich Eltern, bevorzugt waren es Mütter, in ihrem Schuldgefühl so opferhaft verstrickt haben, dass sie sich kleiner machten als ihre Kinder. Ich habe schon Mütter gesehen, die in einer inneren Haltung waren, dass sie fast täglich auf unterschiedliche Arten und Weisen ihre Kinder darum anflehten ihnen zu zeigen, dass sie doch gute Mütter seien. Das ist furchtbar, es ist schrecklich gut nachvollziehbar, aber es ist furchtbar in seiner Wirkung. Es ist eine Zumutung für ein Kind einem Elternteil eine Schuld zu nehmen, eine Absolution auszusprechen oder in irgendeiner Weise etwas zu spiegeln, was mit ihnen nichts zu tun hat. Die gute Nachricht an dieser Stelle ist, das ist mir sehr wichtig, denn ich habe ja die verzweifelten Zuschriften bekommen, dass selbst wenn du etwas aus deinem Trauma weitergibst, bspw. an deine Kinder, du nicht nur das Trauma weitergibst. Wenn du in der Lage dazu bist, deine Kinder zu sehen, wenn du in der Lage dazu bist zu sehen, dass deine Kinder unter dieser Dynamik, die du in die Beziehung bringst, leiden, dann bist du auch in der Lage, das zu reflektieren. Dann bist du auch in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen und vermutlich bist du dann auch schon in der Lage gewesen, einiges besser zu machen als beispielsweise deine Bindungspersonen in deiner Kindheit. Hier geht es also darum, aus deinem Wissen und deinem Erkennen eine Verantwortung abzuleiten. In ein Verantwortungsgefühl zu gehen, das dir den Rücken stärkt und das dir das Gefühl gibt, dass du in der Lage bist, es besser zu machen, weil du es verstehst. Ich weiß, dass Wissen alleine nicht genügt, sondern dass es Übung und Wiederholung braucht und immer wieder Zuwendung und Hinwendung, damit dieses Wissen wirklich zu Bewusstheit werden kann. Genau das ist deine Verantwortung. (Wenn du davon nicht betroffen bist, dann verzeih mir, dass ich hier die Du-Form wähle, vielleicht kannst du es auf andere Personen übertragen.)

Verantwortungsbewusstsein sticht Opferrolle

Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, um das Schuldgefühl zu transformieren und aus der Opfer-Täter-Dynamik, aus dieser Umkehr, die sich da ergibt, herauszutreten. (An dieser Stelle sei auf einen Podcast hingewiesen, #59 „Durch Verantwortung zur Selbstbestimmung“. Hier geht es um das Thema Verantwortung und die Kraft der Verantwortung, höre gerne einmal rein.) Ich bin im Grunde jetzt schon bei einer Lösungsschleife. Wenn wir uns schuldig gemacht haben, wenn jemand anderes unter unseren Handlungen oder unseren nicht stattfindenden Handlungen, unter unserem Verhalten, unter unserem Dasein leidet, dann hilft es nicht, wenn wir uns in eine Opferrolle begeben, uns selbst geißeln, „mea Culpa“ rufen und uns dem anderen sinnbildlich vor die Füße werfen, damit er uns bitte unsere Würde, Existenzberechtigung und die Absolution (wieder)geben möge. Das hilft nicht! Schon gar nicht, wenn es um die eigenen Kinder geht. Was hingegen immer hilft, ist die Verantwortung zu übernehmen, für das, was wir getan haben. Damit können wir keine Schuld aufheben, wir können kein Geschehen ungeschehen machen, aber wir können die schwere Energie der Schuld, die uns so sehr in unserer Existenz trifft und unser Dasein so sehr belastet, wandeln. In eine Kraft, die etwas Heilsames hat.

Was bedeutet Verantwortung übernehmen?

Die Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dich selbst in deinen Möglichkeiten voll und ganz ernst zu nehmen. Es bedeutet, dich nicht mehr zu verstecken hinter dem Unvermögen. Das möchte ich kritisch beleuchten, weil es ist nicht so einfach wie es klingt, und es wäre ungerecht, es einfacher zu machen, als es ist. Die Verantwortung zu übernehmen bedeutet beispielsweise, wenn du dich als traumatisierend oder schädigend für deine Kinder erlebst, dass du dich darum kümmerst, dein Inneres zu verändern. Dass du also, statt darüber nur zu klagen, was auch seine Berechtigung hat, in die Handlung gehst. Dass du dir therapeutische Begleitung suchst, eine Erziehungsberatung suchst, dass du Menschen suchst, die dich unterstützen. Damit du erst gar nicht in die Überforderung kommst, die dich dann wiederum aus deinem Stresstoleranzfenster herauskatapultiert. Es geht also darum, die Verantwortung zu übernehmen, die bedeutet, dass du dich um dich kümmerst. Dass du dich nicht nur um die „Opfer“ kümmerst, sondern dass du dich um die Anteile in dir selbst kümmerst, die dazu beitragen, dass dein Verhalten anderen Schmerz zufügt. Das ist die Verantwortung, die wir haben, wenn wir Schuld auf uns geladen haben. Dass wir uns um uns selbst kümmern, um das, was uns hat zum Täter werden lassen zu heilen und dadurch zu einem Menschen zu werden, der eben nicht mehr in die Lage kommt, jemand anderes so sehr zu verletzen. Das lässt sich besonders gut hier beschreiben an dem Beispiel der Eltern, die an ihre Kinder Traumatisierung weitergeben. Es lässt sich auch auf vieles anderes übertragen.

Die magische Kraft der Bindung

Wir dürfen bitte niemals unterschätzen, was für eine Kraft die Bindung hat. Bindung ist in ihrer Kraft zwiespältig zu betrachten, weil uns die Kraft der Bindung auch in den Schlamassel hineinbringen kann, dass wir uns einem Täter beispielsweise nicht entziehen können, dass wir jemandem, der uns schadet so verbunden oder so gebunden sind, dass es schwer wird, den Kontakt abzubrechen. Besonders trifft das natürlich auf Kinder zu, die noch abhängig sind. Wenn ich jetzt nicht von Tätern spreche, die sadistisch oder völlig unreflektiert sind, sondern von Menschen wie dir und mir, die ganz natürlicherweise Fehler machen und dementsprechend auch ein Art Schuld auf sich laden, dann möchte ich darauf hinweisen, dass die Bindung, zum Beispiel zu deinen Kindern, hier eine magische Kraft haben kann. Eine magische Kraft in dem Sinne, dass sie größer ist als die Kraft, die im Verhalten zu Schmerz führt. Um das ein bisschen einfacher auszudrücken: Wenn du mit deinen Kindern eine gute Beziehung hast, dann gibt es eine Bindung zwischen euch, die mehr wiegen kann als die Fehler, die du machst. Damit möchte ich keine Fehler kleinreden aber ich möchte damit klar machen, dass wenn du deine Verantwortung für dich übernimmst und das in die Bindung zu deinen Kindern hineinbringst, dass es dann nicht zu spät ist um die Wunden, die aus dieser sogenannten Täterschaft entstanden sind, auch wieder zu pflegen, den Schmerz zu lindern und letztendlich die Wunden zu heilen. Hier spreche ich also die Kraft, die heilsame Kraft der Verbundenheit an, die dann tragen kann, wenn die Verletzungen, die geschehen sind, nicht so schwerwiegend sind, dass tatsächlich die Bindung massiv gelitten hat. Ich hoffe, dass das jetzt nicht zu komplex ausgedrückt ist, ich hoffe, dass es nachvollziehbar ist, was ich sagen will. Nämlich, dass man Fehler machen kann. Wenn die Bindung da ist, kann man diese Fehler transformieren in Erfahrungen und Erlebnisse, die zwar Spuren hinterlassen aber die nicht unbedingt so schwerwiegend sein müssen, dass man hier von einer direkten Weitergabe von Trauma sprechen muss. Kurz gesagt: Es ist sehr wichtig, sich der eigenen, inneren Dynamik bewusst zu sein und zu schauen, wo man sich schuldhaft verhält, wo man sich schuldig gemacht hat und dann dafür die Verantwortung zu übernehmen, indem man sich nicht kleiner macht, nicht unterwirft und nicht die Verantwortung für die Beziehung dem anderen rüber schiebt, der einem bitte vergeben soll.

Verletzung wahrnehmen, tolerieren statt Verantwortung zu delegieren

Das gilt auch für Beziehungen, in denen man einander verletzt, partnerschaftliche Beziehungen. Vielleicht indem man eine Außenbeziehung geführt hat oder indem man sich so verhalten hat, dass man weiß, der andere hat wirklich gelitten und das Vertrauen hat Schaden genommen. Auch hier ist es nicht günstig, wenn man die Verantwortung für die Beziehung und das Fortbestehen der Beziehung dem anderen komplett delegiert. Es ist nicht hilfreich, und es wird nicht nachhaltig sein, wenn man dem anderen versucht zu erklären, dass es einem sehr leid tut und dass er jetzt die Macht hat, zu vergeben und dadurch die Beziehung wieder zu reparieren. Das ist ein Thema, daraus könnte man eine ganz eigene Podcastfolge machen. Aber es ist auch hier so wichtig, dass der verletzte Teil der Beziehung spüren kann, dass derjenige, der verletzt hat die Verantwortung übernimmt. Dass er tolerant ist für die Verletzung des anderen. Dass er wahrnimmt, dass da eine Verletzung ist. Dass er nicht dem anderen abverlangt, dass es jetzt endlich mal gut sein soll und dass alles irgendwann ein Ende haben muss, sondern dass hier die Verantwortung übernommen wird und dadurch signalisiert wird, dass der andere gesehen ist, in seiner Verletztheit. Das ist etwas sehr Wichtiges.

Schuld in Verantwortung transformieren bedeutet Heilung

Wenn wir Verantwortung übernehmen für unsere Fehler unter denen andere gelitten haben, dann geben wir ihnen das Gefühl, „Ich sehe dich in dem Schmerz, den ich dir zugefügt habe.“. Das ist etwas Versöhnliches. Das ist etwas Wesentliches, weil Schuld/Schulgefühl und das sich Unterwerfen alles Dynamiken sind, die die Verbindung schwächen. Man drückt sich weg vor dem Schmerz des anderen. Man möchte, dass der Schmerz des anderen bitte keine Rolle mehr spielen möge, dieser Schmerz muss raus aus der Beziehung, raus aus dem Alltag, raus aus der Begegnung. Das funktioniert nicht. Es funktioniert hingegen viel besser, das ist auch der aufrichtigere, der bewusstere und deswegen auch der nicht leichtere Weg, die Verantwortung zu übernehmen, indem man sagt „Ich sehe dich mit deinem Schmerz, für den ich mit eine Verantwortung trage“ oder anders gesagt „...an dem ich mit Schuld habe, weil ich ihn verursacht habe.“. Wenn es uns gelingt, Schuld in Verantwortung zu transformieren, dann geschieht Heilung. Dann kann Verbindung entstehen auf einer neuen Ebene. Wenn wir Verantwortung übernehmen, dann geschieht so etwas, was viele Menschen Vergebung nennen. Dann geschieht, was wir eine neue Annäherung nennen können. Dann geschieht es nämlich, dass wir mit der Übernahme von Verantwortung einen Teil zur Heilung des anderen beitragen. Wie in meinem Beispiel mit den Eltern, die an ihren Kindern ihr Trauma weiter „ausleben“. Indem ich Verantwortung übernehme für mein Handeln, für mein Dasein, für die Art und die Empfindung in meiner Präsenz, füge ich etwas Heilsames hinzu, zu der Situation, die so schwierig ist. Das sehen wir auch im großen Ganzen. Es ist ein Bestreben, dass wir Verantwortung übernehmen, denn das bedeutet kraftvoll da zu sein, statt im Schuldgefühl einzuknicken und jenseits von Kraft darin zu erstarren.

Vergebung

Da möchte ich noch kurz auf den Aspekt eingehen, auf dieses Wort, das ich schon nannte, was sich “Vergebung“ nennt. Dazu mag ich dir unbedingt eine Podcastfolge empfehlen, die ich für sehr wichtig halte. Es ist schon eine ältere, weswegen sie noch nicht so viele Klicks hat. Wenn du sie auch relevant findest, freue ich mich, wenn du sie weiterempfiehlst. Denn zu Vergebung gibt es so unglaublich viele Missverständnisse, dass es mir manchmal echt den Hut hebt. Die Folge zur Vergebung findest du in den Shownotes verlinkt. Man könnte auch einfach sagen, wenn du ein Schuldgefühl hast und Schuld auf dich geladen hast, dann ist das Wichtigste, dass du dir selbst vergibst. Vielleicht hast du gemerkt, dass ich das in dieser Folge noch überhaupt nicht gesagt habe. Das hat mit meiner Haltung zu Vergebung zu tun. Ich möchte es zum Abschluss dieser Folge ganz kurz machen. Vergebung geschieht dann automatisch, im eigenen Inneren und in der Beziehung, wenn spürbar wird, dass statt Schuld Verantwortung stattfindet. Wen statt eines Schuldgefühls ein Verantwortungsbewusstsein Raum greift. Wenn ein Opfer spüren kann, dass der andere Verantwortung für sein Handeln übernimmt, dann löst sich etwas in der Beziehung. Wenn du spüren kannst, dass du Verantwortung für dein Handeln übernimmst, dann stimmst du dem was geschehen ist zu, ohne es verändern zu wollen. Du veränderst aber das, was daraus entstanden ist. In der Verantwortung liegt eine unglaubliche Kraft und sie ist das Heilungselixier für Schuldgefühl, davon bin ich überzeugt. Lausche der Folge zur Verantwortung und zur Vergebung und lasse dich darin noch einmal inspirieren.

Selbstvergebung durch innere Haltung

Kurz noch einmal zusammengefasst, wie gehe ich mit einem Schuldgefühl um, weil ich mich fühle als wäre ich zum Täter geworden? Widme dich diesem Gefühl. Frage, was führt zu diesem Schuldgefühl? Ist es eine tatsächliche Schuld oder ist es ein innerer Glaubenssatz (dazu in #77 nachlauschen)? Mache also einen Realitätscheck. Wenn du wirklich zum Täter wurdest, wenn es recht ist, dass du ein Schuldgefühl hast, weil jemand anderes leidet, dann erhebe dich darüber, über dein Schuldgefühl, indem du die Verantwortung übernimmst. Stelle dich aufrecht in die Kraft deiner Würde, in der du in der Lage bist zu sagen „Ich habe verletzt. Ich habe Schmerz verursacht und ich übernehme dafür die Verantwortung. Ich sehe dich in deinem Schmerz und ich erlaube mir zu sehen, was es braucht von meiner Seite, um diesen Schmerz zu lindern.“. Meiner Ansicht nach führt diese Haltung zu einer Vergebung im Inneren, also zu einer Selbstvergebung, weil du dich erhebst über das Schuldgefühl hinaus, in die Kraft der Transformation und in die Kraft zu verändern, was weiterhin Schmerz erzeugt hat. Es lädt auch den anderen ein in eine heilsame Bewegung zu gehen. So wird die Verletztheit wertgeschätzt und gewürdigt. Nicht negiert, sondern wahrgenommen, sogar in ein wohltuendes Licht gestellt und das hat eine heilsame Wirkung. Ich wünsche dir wertvolle Erfahrungen mit diesen Impulsen und freue mich, wenn es dir Unterstützung gibt.

Shownotes:

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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