#109 Die Schattenseiten der Abgrenzung

Transformations - Inspiration

Ich habe in den vorangegangenen Folgen und immer einmal wieder über Abgrenzung in gelingender Form gesprochen... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • dass es in der Abgrenzungsthematik zwei Seiten der Medaille gibt
  • was der Preis für zu starke oder nicht gelingende Abgrenzung ist
  • wie unser Nervensystem uns zu schützen versucht
  • was zu tun ist, um in Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung zu kommen

 

Ich habe darüber gesprochen, wie wichtig es für uns Menschen ist, und besonders für Menschen mit Traumatisierungen in ihrer Biografie, gelingende Abgrenzung zu lernen und zu üben. Und vor allem habe ich über eine mangelnde Abgrenzungsfähigkeit referiert. In dieser Folge möchte ich einmal ein wenig darauf eingehen, was es bedeutet, wenn die Abgrenzungsfähigkeit sozusagen überreguliert ist und wenn wir unter den Symptomen leiden, die eine zu starke Abgrenzung mit sich bringt. Ich möchte in dieser Folge auch darüber sprechen, was eine zu starke Abgrenzung mit unserem Nervensystem zu tun hat, was das vielleicht mit Dissoziation zu tun hat und in welchen Facetten sich das auch in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Ich hoffe, dass es dir gut geht in diesem Moment, den du zum Lauschen für dich ausgewählt hast, und ich lade dich ein, es dir bequem zu machen und dir einen ungestörten Moment zu schenken. Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen.

Abgrenzungsthematik

Wenn man Menschen befragt, wie es ihnen mit dem Thema Abgrenzung geht, dann bekommt man zuallermeist Antworten, die in die Richtung gehen, dass Abgrenzung ein Thema ist, was schwierig ist, weil es einem schwer fällt sich abzugrenzen. Weil man Erfahrungen von Grenzverletzungen kennt und weil man Schwierigkeiten hat bspw. für sich einzustehen, eigene Grenzen zu kommunizieren, manchmal vielleicht sie überhaupt zu spüren und sich dementsprechend die Grenzverletzungen im Leben immer wieder wiederholen. Dieses Phänomen oder Schwierigkeiten dieser Art, sind sehr vielen Menschen vertraut. Wenn du die vorangegangenen Folgen gehört hast, dann hast du da auch von mir gehört, dass das unter Umständen viel mit frühen Traumatisierungen oder schweren Prägungen/Erfahrungen zu tun haben kann, die sich auf die Bindungsebene ausgewirkt haben. Gar nicht selten, aber weniger im Bewusstsein, sind die Facetten der Abgrenzungsthematik, in denen oder bei denen Menschen darunter leiden, dass es ihnen schwerfällt, sich nicht zu stark abzugrenzen. Vielleicht wird das seltener als ein Abgrenzungsthema definiert, sondern eher als ein weniger stark ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer Interaktion verstanden. Manche Menschen werden vielleicht als EinzelgängerInnen tituliert oder als schüchtern und sehr introvertiert. Es gibt viele Möglichkeiten, diesem Phänomen oder diesen Ausdrucksfacetten unterschiedliche Namen zu geben. Ich möchte es heute einmal Abgrenzungsthematik nennen.

Verstärkte Abgrenzung als Schutzstrategie

Es gibt immer wieder Klientinnen und Klienten, die mir berichten, wie schwer es ihnen fällt, in Verbindung zu gehen und dass sie eben nicht so überengagiert, angepasst oder gefällig sind, um Verbindung zu stiften, sondern dass sie das gar nicht hinkriegen. Dass sie also beispielsweise so etwas erleben wie das Gefühl, am sichersten und entspanntesten zu sein, wenn sie allein sind. Wenn sie also eine Grenze um sich herum etablieren und dadurch einen sicheren inneren Ort oder einen sicheren äußeren Ort für sich kreieren und dadurch der Gefahr aus dem Weg gehen, von einem Menschen eine Grenzüberschreitung zu erfahren. Dass der Rückzug, bspw. in die Einsamkeit in Form einer Abgrenzung nach außen, eine Schutzstrategie darstellt. Diese Form des Schutzes ist quasi die andere Seite der Medaille, die wir so häufig antreffen. Nämlich die Seite der Medaille, wo Menschen sich überangepasst, sehr stark engagieren, sich selbst sehr zurücknehmen, um Verbindung halten oder spüren zu können, um möglichst sicher zu sein in einer Verbindung oder unter Menschen, um möglichst keine Fehler zu machen, um möglichst gemocht zu werden, um möglichst Harmonie zu erleben. Diese Seite der Medaille ist uns irgendwie, zumindest den meisten Menschen, klarer. Die andere Seite der Medaille, die ich gerade angefangen habe zu beschreiben, wo Rückzug, Isolation und verstärkte Abgrenzung zur Sicherheitsstiftung dienen, wird oft vergessen. Vielleicht einfach auch deswegen, weil wir diese Menschen nicht so deutlich sehen. Weil diese Menschen vielleicht nicht mit uns, auch mit uns Therapeuten, in Kontakt treten. Die Betroffenen unter den Lauschenden Menschen hier werden jetzt gerade spüren, dass sie gemeint sind. Ich weiß aus Erzählungen von Klientinnen und Klienten, was für ein schwieriger Weg es ist, aus einer Isolation, aus einem Rückzug der schützen soll, herauszukommen in die Verbindung.

Vermeidungsstrategien und der Preis dafür

Man kann diese Form der Schutzstrategie über Abgrenzung und auch Vermeidung, vielleicht auch in verschiedenen Bindungsmustern sehen. Es gibt zahlreiche Menschen unter uns, die Verbindung in Form von Beziehung vermeiden, aus der Angst heraus, erneut verletzt zu werden. Aus dem Gefühl von Unvermögen eine Beziehung führen zu können und dabei in Sicherheit zu sein. Auch darin spiegelt sich diese Abgrenzung zum Schutz vor Verletzung. Wenn wir Abgrenzung nutzen als Schutzstrategie vor Verletzung, als Vermeidungsstrategie vor Situationen, die uns bedrohen könnten, dann gewinnt diese Abgrenzung eine Qualität von Abschottung und Wegblocken und eben auch etwas von Isolation. Das heißt, diese Abgrenzung, diese Schutzstrategie ist keine Lösung für die Versehrtheit, die sich hinter dieser Strategie nach Heilung sehnt. Immer wenn Abgrenzung ein Thema ist, liegt dahinter ein verletztes Bindungsbedürfnis. Wenn Abgrenzung zu einem Thema für dich geworden ist, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass in deinem Inneren versehrte Anteile zugegen sind, die sich nach Verbundenheit sehnen, die nicht gefährlich ist. Die sich nach Verbundenheit sehnen, die nicht zweideutig ist. Die sich nach wahrhaftiger Verbundenheit sehnen, die einfach nährend, wohltuend und gesund ist. Jede dieser Abgrenzungsstrategien, die zum Schutz vor Verletzung dienen sollen, aus Verletzung heraus, haben ihren Preis. In der überengagierten Abgrenzungsvariante, wo wir gefällig sind, uns anbiedern, uns zurückstellen und all das, opfern wir so manches mal unsere Würde. Hier ist der Preis hoch, denn das was wir auf der Strecke lassen, das was wir von uns selbst zurücklassen und zurückstellen, ist etwas Wesentliches und Wichtiges, was für ein gesundes und erfülltes Leben unerlässlich ist. Die eigene Würde, der eigene Selbstwert, die eigene Bezogenheit zu eigenen Bedürfnissen und dem Recht ein Mensch zu sein, der gutes verdient hat. Die andere Variante, die Abschottung als Schutzstrategie, hat den Preis des absoluten Mangels an Nahrung, die aus Verbundenheit entstehen kann. Wenn wir uns abgrenzen in einer Qualität von Abschottung, dann müssen wir uns sehr dissoziieren und sehr trennen von unserem natürlichen Bedürfnis nach Verbundenheit, von unserer natürlichen inneren Ausrichtung auf Verbundenheit, die uns etwas schenkt, was wir als Menschen ein Leben lang brauchen. Nämlich die Möglichkeit, sowohl zu heilen, wenn es etwas zu heilen gibt, als auch uns zu entwickeln und miteinander etwas zu kreieren, was lebendig und lebenswert und nährend ist. In der einen Variante zahlen wir also, überbegrifflich gesagt, den Preis unserer Würde. In der anderen Variante zahlen wir den Preis unserer sozialen Natur. Wir distanzieren uns von unserer Urnatur, die es braucht und wünscht, verbunden zu sein. Hieraus entsteht ein großer Mangel und das tiefe Gefühl von Alleinsein, nicht dazu gehören, keinen Platz in der Welt finden oder auch Gefühle der Sinnlosigkeit in der eigenen Existenz, weil man das Gefühl hat nicht angebunden zu sein an das Leben, an Lebendigkeit, an das was andere Menschen suchen und genießen.

Schutzstrategien – Identifikation und Dynamik

Wir als anpassungsfähige Wesen, sind in der Lage uns in beide Arten von Schutzstrategien hinein zu gewöhnen. Wir sind in der Lage dazu, sie zur Normalität zu erheben und uns in diesen Strategien ganz gut einzurichten. Manchmal äußert sich das darin, dass sich Betroffene mit dieser Art zu sein identifizieren. Die einen identifizieren sich mit ihrer Helfernatur, mit ihrem sozialen Engagement und erleben darin sowohl eine Kompensation als auch etwas, was in gewisser Weise zu ihnen passt. Die anderen identifizieren sich mit ihrer Rolle als Einzelgänger, als einsame Wölfe, als zurückgezogene, vielleicht eher weniger angepasste Individualnaturen. Das klingt jetzt vielleicht alles etwas total und ich möchte das an dieser Stelle auch einmal relativieren, denn häufig ist es so, dass sogar beide Seiten einer Medaille in einem Menschen vorkommen können. So kann es z.B. sein, dass sich jemand reflexartig zurückzieht und aus der Bindung flieht, wenn die Bindung unter Spannung, also Stress, geraten ist. Solche Muster finden wir nicht selten innerhalb von Beziehungsdynamiken, dass einer der beiden PartnerInnen dann, wenn es eng wird, wenn die Spannung steigt, wenn die Harmonie wankt oder irgendein Konflikt auftaucht, in die Bindungslosigkeit flieht, einen Bindungsabbruch herbeiführt, weil im Bindungsabbruch für ihn oder sie die Rettung liegt. Es kann sein, dass dieser gleiche Mensch nach einer Weile das starke Bedürfnis hat, wieder Bindungssicherheit herzustellen und sich dann wieder annähert. Es muss also nicht so sein, dass diese Schutzstrategien nur singulär vorkommen, sondern es kann sein, dass sie sich in zirkulierenden Dynamiken abwechseln. Vielleicht erkennst du, wenn du über dich oder deine Partnerin/deinen Partner nachdenkst, die ein oder andere Variante in unterschiedlicher Ausprägung von dem was ich hier gerade beschreibe.

Ungesehenes Leid

Wenn Menschen in die Abschottung fliehen, also in den Rückzug aus dem Kontakt, in die Bindungslosigkeit, dann sieht das vielleicht ein wenig souveräner oder weniger schmerz- oder leidvoll aus, als wenn Menschen sich in Panik oder Schmerz winden und Tränen fließen und sie offensichtlich leiden. In der Strategie des Abschottens liegt aber auch häufig ein hoher Leidensdruck, der einfach ein wenig anders geartet ist. Denn in dem Abschotten, in dem Rückzug ist in der Regel nicht ein wunderschön bereiteter innerer oder äußerer Ort, der einen tröstet und wiegt und einem das Gefühl gibt, dass alles wieder gut werden wird. Sondern in diesem Raum, in den man flieht, ist die Not. Auch die Not von damals, in der man wahrscheinlich allein und verlassen war und in der es die bessere Idee war zu verschwinden, statt Bindung zu suchen.

Bindungssuche

Ich möchte an dieser Stelle einen Bezug zu unserem Nervensystem herstellen. Wenn du meine Podcastfolgen schon eine Weile hörst, dann ist dir der Begriff Sympathikus und Parasympathikus bereits vertraut. Ich setze das jetzt an dieser Stelle einmal voraus und gehe hier nicht mehr so sehr in die Tiefe, die Basis zu erklären. (Wenn du darüber mehr erfahren willst, empfehle ich dir eine Folge, die du in den Shownotes verlinkt findest, zur Polyvagaltheorie.) Wir haben ein autonomes Nervensystem, das unter Stress und insbesondere unter traumatischem Stress, also sehr starkem Stress, in gewisse Zustände führt. All das dient unserem Schutz und dem Anliegen, möglichst auch unter höchster Belastung zu überleben. Zuallererst wird unter sehr starkem Stress unser sympathisches Nervensystem sehr aktiviert. Wenn wir in Stress geraten, wird Energie mobilisiert, die dazu da ist, unser Überleben zu sichern. Was auch mobilisiert wird, wenn wir in Stress geraten und unser Sympathikus sehr aktiv wird und wir aus dem Bereich unserer Stresstoleranz herauskatapultiert werden, ist unser Bindungssystem. Das, was ein Mensch und auch andere Säugetiere als erstes tun, wenn sie bedrohlichen Stress erleben, ist die Bindungssuche zu aktivieren. Zuallererst gehen wir also mit unserer Wahrnehmung in die Ausrichtung, uns an einer anderen Person zu orientieren und dort möglichst Co-Regulation zu erfahren. Also von dieser anderen Person, an die wir uns in diesem Moment wenden und gewissermaßen binden wollen, etwas Beruhigendes und Rettendes zu erfahren. Zuallererst wird also unsere Bindungssuche aktiviert, denn wir sind als Bindungsorientierte Wesen darauf ausgerichtet, uns einander zu helfen, miteinander zu überleben. Unser Bindungssystem, also der Bereich unseres Nervensystems, der diese Bindungssuche ansteuert und der sie auch instinktiv durchführt, durch Blickkontaktsuche, durch eine Hinwendung, durch das Lesen von Mimik und Gestik, ist von unserem Parasympathikus beeinflusst, von einem anderen Teil unseres autonomen Nervensystems. Unser Parasympathikus erhält einen Aspekt, der vollkommen auf soziale Interaktion ausgerichtet und sozusagen spezialisiert ist. Dieser Teil wird unter Stress auch aktiviert. Wir haben also eine hohe sympathische Aktivierung in unserem Körpersystem und eine Aktivierung eines Teiles unseres parasympathischen Nervensystems. In dieser Kombination suchen wir Rettung und Schutz durch die Mobilisierung von Energie und durch die Bindungssuche. Das bedeutet, wenn Menschen in späteren Situationen, nach bspw. traumatischem Stress in der Kindheit, wieder in Stress geraten, dass sie dann unter Umständen in ihrem Nervensystem auch eine gewisse Prägung tragen, die sie immer wieder in die Bindungssuche treibt. Weil es instinktiv in uns so angelegt ist. Diese Bindungssuche kann sich durch Traumafolgen auch so äußern, dass wir uns anbiedern, dass wir versuchen, Harmonie wiederherzustellen, dass wir uns übermäßig anpassen, beschwichtigen und uns gewissermaßen unterordnen und vielleicht sogar unterwerfen.

Untererregung als Notlösung

Es gibt aber auch noch eine andere Reaktion unseres Nervensystems auf enormen, toxischen, also traumatischen Stress. Das ist eine Aktivierung unseres Parasympathikus in einer anderen Facette. Wenn der Stress so hoch wird, dass er durch die sympathische Erregung und die Bindungssuche nicht reguliert werden kann und wir im Stress hängen bleiben, dann gibt es diese wunderbare Notlösung unseres Nervensystems, uns in einen anderen Zustand zu versetzen. Hier greift ein anderer Teil des parasympathischen Nervensystems und man gerät von der Übererregung, in der übermäßigen Mobilisierung von Energie, in die Untererregung. In das Gegenteil der vorhin beschriebenen Reaktion. Wenn wir in diese parasympathische Untererregung hineinstürzen, ist hier das oberste Gebot unseres Organismus so wenig zu fühlen, wie möglich. Unser Nervensystem ist in der Lage dazu, Botenstoffe und Hormone auszuschütten, die unsere Schmerzempfindlichkeit stark herabsetzen. Das ist eine pure Überlebensstrategie. Es gibt auch Forschungen, die zeigen, dass in diesem Zustand des Nervensystems, wenn unser Parasympathikus in diese Richtung greift, die emotionale Beteiligung an dem Geschehen betäubt wird. Dass man eine enorme emotionale Distanz zu dem Geschehen entwickelt, auch hier durch die Ausschüttung gewisser Botenstoffe und Hormone. Das ist sehr dienlich um zu überleben und aus dem, was geschehen ist, in einer Art und Weise hervorzugehen, die einem noch die Chance gibt, weiter zu funktionieren. In dieser Variante von Stressreaktion wird unsere Schmerzempfindlichkeit gedämpft und die emotionale Beteiligung am Geschehen wird stark gemindert. Diese Untererregungsreaktion ist auch etwas, was sich im Nervensystem prägen kann, sodass man vielleicht später im Leben eher dazu neigt, in die Untererregung zu gehen, in die emotionale Abkoppelung von dem, was geschieht. Man kann das auch als dissoziatives Phänomen bezeichnen. Nicht mehr zu fühlen was da eigentlich geschieht, könnte ein Aspekt dieser Schattenseite von Abgrenzung sein, die ich im vorangegangenen schon beschrieben habe und mit dem Begriff Abschottung oder wegblocken umschrieben habe. Es kann also sein, das ist eine Möglichkeit es so zu betrachten, dass diese zwei Seiten der Abgrenzungsmedaille sich auch in unserem Nervensystem widerspiegeln. Dass die überengagierte, überangepasste, gefallen wollende Variante, mit der Übererregung unseres Nervensystems in Verbindung steht und dass die Variante des abgeschottet seins, des Wegblockens und des nicht Fühlens, damit verbunden ist, was unser parasympathisches Nervensystem für Möglichkeiten für uns bereithält und die geprägt wurden.

Balance zwischen Verbundenheit und Abgrenzung

Es ist mir ein Anliegen, das hier so darzulegen, weil ich darauf hinweisen möchte, dass wir unsere Abgrenzungsthemen in eine heilsame Richtung bewegen können, wenn wir mit unserem Nervensystem arbeiten. Ganz besonders dann, wenn Trauma- Erfahrungen in der Biografie eine Rolle spielen, ist es recht wahrscheinlich, dass eine starke Beteiligung von geprägten Zuständen im Nervensystem in diesen Abgrenzungsthemen eine Rolle spielt, sodass es also ganz wunderbar Sinn ergeben kann, an der Nervensystemregulationsfähigkeit zu arbeiten, um dann nach und nach auch die eigenen Abgrenzungsmuster zu modellieren und sie nach und nach zu transformieren in eine Qualität, die gut tut. Anliegen ist hier also aus Über- oder Untererregungszuständen herauszufinden, um dann in klarerer, authentischerer und nährenderer Verbundenheit mit sich selbst und der Umwelt existieren zu können. Zum Thema Selbstregulation kann ich dir auch einiges anbieten, was dich unterstützen kann, dich mit dem Thema etwas tiefer zu beschäftigen. Du findest hierzu in den Shownotes eine Webinarreihe, in der ich Übungen vermittele zur Regulation des Nervensystems und du findest auch eine Podcastfolge über die Kraft der Selbstregulation. All das soll dir, wenn du magst, dabei helfen, in eine Balance zu finden zwischen einer Verbundenheit, ohne verschluckt zu werden und einer Abgrenzung, ohne sich getrennt zu fühlen. Das wäre doch ein sehr wünschenswerter Zustand.

Wir haben eine kollektive Verantwortung

Zum Abschluss dieser Folge möchte ich noch kurz auf eine Schattenseite unserer Abgrenzungsfähigkeit hinweisen, die ich in unserer Gesellschaft, in unserem menschlichen Kollektiv beobachte. Wir haben die Fähigkeit, uns abzugrenzen, bzw. zu dissoziieren von unserer eigenen, mitfühlenden Natur. Wir haben die Fähigkeit, uns vor unserer eigenen Empathie zu schützen. Das brauchen wir, um ausblenden zu können und wegschauen zu können. Ich formuliere es bewusst so, dass wir das brauchen. Denn es wäre nicht möglich, all das Leid und all die Missstände dieser Welt immerzu auf dem bewussten Schirm zu haben und an uns heranzulassen. Wir müssen uns quasi von solchen Dingen im Alltag abgrenzen. Unser Unterbewusstsein, unser autonomes Nervensystem macht das ganz gut, denn es entscheidet schlichtweg nach einfachen Kriterien. Das, was uns unmittelbar bedroht, muss in die Wahrnehmung, das, was uns unmittelbar nicht bedroht, muss nicht in unsere Wahrnehmung. Das ermöglicht uns vollkommen unethisches Sein. Diese Art zu funktionieren und unser eigenes Überleben selbstverständlich an erste Stelle zu setzen, ermöglicht uns tatsächlich, in einer hochkomplexen Welt, einfach zu leben und auch Dinge zu tolerieren, die wir als mitfühlende, menschliche Wesen niemals tolerieren sollten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Flüchtlingskatastrophe, die humanitäre Katastrophe, die sich in dem Flüchtlingslager Moria in Griechenland abgespielt hat. Wir haben als Kollektiv, als europäisches Kollektiv, als deutsches Kollektiv, als menschliches Kollektiv gewusst, und wir wissen es auch heute, dass auf dieser Welt, in diesem Europa, Flüchtlingslager existieren, allein das Wort ist schmerzhaft, in denen Menschen unter menschenunwürdigen Zuständen leben müssen. Diesen Menschen wird jede Chance auf Selbstwirksamkeit verwehrt. Sie sind traumatisiert, deswegen geflohen, sie sind auf der Flucht erneut traumatisiert und sie sitzen in einer Falle, in der sie tagtäglich erneut traumatisiert werden. Damit wir das tolerieren können, müssen wir uns abgrenzen. Es ist mir ein Anliegen, einzuladen zur Selbstreflexion und dazu, sich selbst auch immer wieder herauszufordern. Diese Fähigkeit zur Abgrenzung, zur Dissoziation immer wieder einmal zu überprüfen. Natürlich fasse ich mir hier auch an meine eigene Nase. Wie kann es also gelingen, dass wir uns nicht vor unserer eigenen Empathie und unserer mitfühlenden Seite abschotten müssen, um in dieser Welt überhaupt leben zu können? Wie kann das gelingen? Ich glaube, wir haben hier zum einen eine gemeinsame gesellschaftliche, menschliche Verantwortung, Missstände zu benennen, sie zu endtabuisieren. Denn nur dann, wenn wir sie in unser Bewusstsein lassen, spüren wir auch die Dringlichkeit, sie zu verändern. Solange wir sie ausblenden, tolerieren wir, dass sie sich nicht verändern. Das ist glaube ich etwas, was wir auch auf unser Inneres und auch auf das Äußere übertragen können. Wo also sozusagen Mikrokosmos und Makrokosmos einer ähnlichen Strategie, einer ähnlichen Dynamik unterliegen. Nur das, was wir in unser Bewusstsein lassen, kann sich wirklich verändern. Nur das, was wir mit dem Licht unseres Bewusstseins in unserem Inneren berühren und streifen, kann ans Licht kommen, um dort zu heilen. So ist das auch mit diesen Themen im Außen. Wir brauchen hier das Licht unseres Bewusstseins, um Dinge sichtbar zu machen. Wenn wir das gemeinsam tun, wenn wir gemeinsam für uns Werte definieren, wie z.B. eine Menschenwürde, dann kann es uns gelingen, im Kleinen und unserer eigenen Welt, besser für uns einzustehen und unsere eigene Würde zu schützen. Und es kann uns gelingen, auch im Großen zusammen zu stehen und die Würde anderer Menschen zu schützen und für sie da zu sein und gegebenenfalls für sie im besten Sinne, im friedvollsten Sinne, zu kämpfen. Ich mag dich zum Abschluss einladen, lass uns gemeinsam die Schattenseiten der Abgrenzung ins Licht bringen. Lass uns zusammen das gestalten, was Heilung bringt. Lass uns Verbundenheit stärken. Lass uns einander helfen, wenn wir in die Isolation gehen, uns zu suchen und uns zu verbinden. Lass uns einander unterstützen, wenn wir uns übermäßig engagieren, uns zu erinnern, dass wir nichts tun müssen, um geliebt zu sein. Und lass uns uns gegenseitig unterstützen, für die Menschen in dieser Welt, die Opfer dieser Welt geworden sind, zusammen einzustehen und etwas zu bewegen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Schlusswort keine Schwere hereinbringe, sondern eher den Mut und die Zuversicht in dir stärken kann, dass wir gemeinsam so viel füreinander tun können. Dass wir gemeinsam heilsam verbunden sein können und dass wir damit die Welt nachhaltig zu einem besseren Ort machen können, weil wir mit Gemeinsamkeit, heilsam verbunden, die alten sich immer wiederholenden Muster von Traumatisierungen durchbrechen können.

Shownotes:

 

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