#51 Kann ich dem Leben vertrauen? Entwicklungstrauma verstehen

Transformations - Inspiration

Um aus dieser Folge alles mitnehmen zu können, höre Dir am Besten zuerst die Folge ....

Nr. 43 an! 

Diese Form der Traumatisierung zu benennen und zu erkennen ist unbeschreiblich wichtig. Für ein Individuum und für eine Gesellschaft. Der Begriff des Entwicklungstraumas ist noch nicht weit verbreitet in der Fachwelt, aber es ist anzunehmen, dass er beschreibt, was eine große Masse an Menschen betrifft und ihre Leben und damit auch die Gesellschaft formt. 

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In dieser Folge geht es nun weiter mit meiner kleinen, ich nenne es mal Aufklärungsreihe, zum Thema Trauma, Traumatisierungen, Traumfolge, Traumafolgestörungen usw. Heute geht es um das Thema Entwicklungstrauma, um die Frage was ein Entwicklungstrauma ist, warum es so wichtig ist darüber Bescheid zu wissen und es ein bisschen zu verstehen, um den Menschen als solchen und unsere Welt besser zu verstehen. Jetzt wünsche ich dir viel Inspiration und reiche Erkenntnisse beim Lauschen. Bevor ich loslege mit der Theorie zu diesem Thema, mag ich dich einladen, dir noch eine andere Podcastfolge vorher anzuhören, falls du sie noch nicht gehört hast. #43 „Wie frühe Prägungen sich auf deine Beziehungen auswirken“. In dieser Folge habe ich schon sehr viel beschrieben, was beim Verständnis für Entwicklungstrauma und Bindungstrauma sehr wichtig ist. Ich habe dort beschrieben, wie wir als Menschen auf die Welt kommen, wie bedürftig wir sind und was frühe Prägungen für Wirkungen haben können. Diese frühen Prägungen sind oft ganz nah an traumatischen Wirkungen dran. Wenn du diese Folge noch nicht gehört hast, lege ich dir sehr ans Herz sie dir vorher anzuhören und hier zu stoppen. Denn einiges, werde ich zwar wiederholen aber doch vieles werde ich einfach voraussetzen, weil ich jetzt ein bisschen mehr in die Tiefe gehe und nicht nochmal alles wiederhole was in dieser Folge schon gesagt wurde.

Das Wort Entwicklungstrauma ist schon an sich ein ganz spannendes. Man könnte sich hier fragen ob die Entwicklung traumatisiert oder wird man durch die Entwicklung traumatisiert. Dieser Begriff ist in unserer deutschsprachigen, psychotherapeutischen Landschaft noch nicht so populär und hat auch noch keinen Einzug gefunden in irgendein Diagnosemanual hier in Deutschland. Deswegen werde ich natürlich noch einmal etwas zur Definition sagen, wie man dieses spezielle Trauma verstehen kann. Ich werde dir Symptome beschreiben, ich werde dir beschreiben, wie es zu einer solchen Traumatisierung kommen kann, was das Ganze mit unserem Nervensystem zu tun hat. Was die langfristigen und wenn nicht entdeckt und sich zugewendet wird, Lebenslangen Folgen sein können und natürlich auch auf welche Art und Weise Hilfe stattfinden kann.

Die Definition von Entwicklungs- und Bindungstrauma

Der Begriff Entwicklungstrauma ist im Grunde Synonym verwendbar mit dem Begriff Bindungstrauma. Entwicklungs- und Bindungstrauma zeichnen sich dadurch aus, dass sie in aller Regel früh entstehen, im Leben. In einem Zeitfenster, in dem wir als menschliche Wesen in unserer Entwicklung sehr vulnerabel also verletzlich sind. Sie spielen sich, zwischen uns als kleinen Wesen und unseren Bindungspersonen oder anderen wichtigen Personen ab. Bindungs- und Entwicklungstrauma sind also zwei Begriffe, die ich hier jetzt synonym verwende und die sicherlich auch einfach das allermeiste gemein haben. Wenn man Bindungstrauma und Entwicklungstrauma verstehen will, dann muss man im Grunde sich wirklich der menschlichen Natur in ihrer Reinform zuwenden. Dem was wir sind, wenn wir uns als kleine Kinder, als ganz junge Menschenwesen entwickeln. Auf dem Weg zu unserer Ausprägung einer eigenen Persönlichkeit, eines eigenen Charakters, einer eigenen inneren Stabilität, eines inneren Selbstbildes, eines Selbstbewusstseins, eines Selbstwertgefühls usw. Vielleicht erinnerst du dich daran, dass ich beschrieben habe, dass wir als menschliche Wesen, das haben wir gemein mit allen Säugetieren, jedoch bei uns ist das besonders ausgeprägt, zutiefst auf Bindung ausgerichtet sind in unserer Natur. Zunächst auch weil wir als kleine neugeborene und junge Menschenwesen ohne Menschen im Außen, die sich um uns kümmern und an die wir uns binden können, nicht überlebensfähig wären. Vielleicht erinnerst du dich an das Bild, dass Menschen Frühgeburten sind, weil sie im Vergleich zu anderen Säugetieren so früh auf die Welt kommen, dass sie zu noch fast nichts selbst in der Lage sind und versorgt werden müssen, einige Jahre, da sie sonst wie gesagt nicht überlebensfähig wären. Alles in uns ist also auf Bindung ausgerichtet. Wir sind deswegen auch in dieser Beziehung einerseits sehr gut ausgestattet und andererseits auch sehr verletzlich. Wenn uns an dieser Stelle in unserer Biografie etwas wiederfährt, dann geht das tief, dann haben wir lange daran und brauchen viel Zeit und Hinwendung um das, was da schiefgegangen ist wieder zu korrigieren.

Unregulierter Stress wird zur Prägung

Wir sind bereits intrauterin also im Mutterleib, wo wir uns entwickeln, ausgestattet mit einem sensiblen Stresssystem. Das Nervensystem bereits eines sich entwickelnden Kindes im Mutterleib ist mit einem Stresssystem verkoppelt und ausgestattet. Dieses System bekommt eine Menge zu tun, wenn ein Kind dann auf der Welt ist. Das Kind ist in einer komplett neuen Umgebung und muss sich an allerlei neue Umstände gewöhnen. Es wird nicht mehr automatisch durch die Nabelschnur ernährt, die ganze Körperempfindungen sind vollkommen anders als im Mutterleib und all das kann ein gewisses Maß an Stress erzeugen. Eine feinfühlig kommunizierende und wahrnehmende Mutter, ist dann in der Aufgabe und typischerweise, wenn sie gut verbunden ist auch in der Lage, dieses Kind gut zu versorgen. Das ist der Beginn einer großen, langen Geschichte. Wenn ein kleines Kind ein Bedürfnis in sich spürt, dann kommuniziert es dieses Bedürfnis mit seinen Möglichkeiten an seine Umwelt. Wenn dieses Bedürfnis ein Bedürfnis was mit Not verknüpft ist darstellt, dann kommunizieren sie mit entsprechendem Nachdruck. Vielleicht erinnerst du dich an die letzte Folge, in der ich das Stresstoleranzfenster beschrieben habe. Ein kindlicher Organismus befindet sich innerhalb des Stresstoleranzfensters, wenn es dem Kind gutgeht und es sich gut versorgt fühlt. Es meldet ein Bedürfnis an, vielleicht gerät es auch durch Schmerz oder unangenehme Gefühle in Not und das Stressniveau steigt, sodass das Kind an den Rand des Stresstoleranzfensters kommt. Dann wir die Mutter, die Bezugsperson, dem Kind helfen, durch die Befriedigung des Bedürfnisses und das Stressniveau geht wieder runter und pendelt sich, innerhalb des Toleranzfensters, ein. Nun kann es auch mal sein, dass ein Kind so in Not gerät oder eine Mutter, eine Bezugsperson es nicht schafft, das Kind zu Co-Regulieren. Vielleicht weil die Schmerzen zu groß sind, weil die Mutter/Bezugsperson nicht versteht was eigentlich das Bedürfnis ist. Dann gerät das Kind mit seinem Stressniveau außerhalb seines Stresstoleranzfensters. Auch hier kann es noch Co-Reguliert werden. Hier wird Co-Regulation unglaublich wichtig, weil das Kind in wirkliche Not gerät. Das Stressniveau ist so hoch, dass Stresshormone ausgeschüttet werden, die den ganzen Organismus, so wie ich es beschrieben habe, in einen gewissen Zustand versetzt, der einfach unglaublich viel Energie kostet und sich sehr bedrohlich anfühlt. Wenn es nicht gelingt, aus welchen Gründen auch immer, ein Kind aus diesem Zustand zu Co-Regulieren, dann prägt sich diese Erfahrung ein in das Nervensystem. In einem solchen Stresszustand außerhalb des Toleranzfensters wird sehr viel Energie mobilisiert. Diese Energie wird nicht abgeleitet oder losgelassen, wenn das Kind keine Co-Regulation erfährt. Das bedeutet die gesamte Ladung der mobilisierten Energie bleibt im System erhalten. Wenn das einem Kind häufiger passiert, dass es aus dysregulierten Zuständen nicht herausgeholt wird, wenn es nicht gelingt, dass die Co-Regulation greift, dann entwickelt sich eine man könnte sagen Stressdynamik im Nervensystem des Kindes. Ich werde gleich noch einmal darauf eingehen, was diese Stressdynamik eigentlich beinhaltet oder wie sie sich zeigt. Noch mal ein Schritt zur Seite.

Co-Regulation

Wenn wir von Co-Regulation sprechen, sprechen wir von einer Interaktion zwischen Bindungs- oder Bezugsperson oder der in dem Moment fürsorgepflichtigen Person und dem bedürftigen Kind. An dieser Stelle folgt jetzt ein kleiner Ausflug in die Bindungstheorie. Wenn es einer Bindungsperson mit ihrem Kind gelingt feinfühlig zu kommunizieren, präsent zu sein, da zu sein, zu Co-Regulieren und Bedürfnisse zu erkennen, das Kind zu nähren und zu fördern, es zu unterstützen und es auch herauszufordern, sich selbst zu vertrauen, dann sprechen wir von einer sicheren Bindung. Wenn ein Kind das Gefühl hat, die Bindungsperson ist da, zugewandt und verfügbar. Sie traut dem Kind etwas zu, das Kind fühlt sich gesehen und gleichzeitig geborgen, dann ist das Kind sicher gebunden. Dann ist die erwachsene Person wie ein sicherer Hafen, zu dem das Kind im Laufe seiner Entwicklung immer wieder zurückkehren kann, wenn es sich traut die Welt zu erforschen.

Autonomie und sichere Bindung

In einer sicheren Bindung gibt es kein anstrengendes Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Bindung und dem nach Autonomie. In einer sicheren Bindung als Basis, kann ein Kind sich auf seine sichere Bindung verlassen, der sichere Hafen und kann sein Bedürfnis nach Autonomie und in dem Sinne auch Entwicklung einer Eigenständigkeit nachgehen. Das ist wundervoll! Ich wünsche allen Kindern dieser Welt, dass sie das erleben. Ich wünsche allen Eltern dieser Welt, dass sie genügend Informationen erhalten, um ihren Kindern ein sicherer Hafen sein zu können. Um ihre eigenen Traumatisierungen, die ihnen dabei im Weg stehen könnten, zu bewältigen und zu meistern und dann das liebende Elternteil sein zu können, das sie gerne selbst gehabt hätten. Sichere Bindung ist wie auch schonmal erwähnt eine unglaublich gute, stabile und wunderbare Basis für alles, was später im Leben geschehen mag.

Die Ursache von Entwicklungstrauma bzw. Bindungstrauma

Jetzt kommen wir zu der Frage, wie es zu einem Entwicklungstrauma oder einer Bindungstraumatisierung kommt. Ein sicher gebundenes Kind hat sehr viel über die Welt gelernt, was ihm die Welt zu einem freundlichen Ort werden lässt. Menschen sind vertrauenswürdig und wenn es nicht vertrauenswürdige Menschen gibt, dann bin ich doch beschützt von denen, die vertrauenswürdig sind. Die Welt ist ein freundlicher Ort, ich habe einen Platz in der Welt, ich bin erwünscht, gesehen, wertvoll usw. Du spürst, eine sichere Bindung ist wirklich das größte Geschenk. Nun gibt es einiges, was diese Sicherheit in der Bindung erschüttern kann. Auf der einen Seite natürlich all das, was ich auch beschrieben habe in Podcast #43, wo ich beschrieben habe, dass es sein kann, dass Bindungspersonen nicht in der Lage sind feinfühlig zu kommunizieren, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen oder überhaupt wahrzunehmen. Sowohl durch ihre eigenen Traumatisierungen, die es ihnen erschweren mit sich selbst überhaupt verbunden zu sein und deswegen mit einem Kind oder einer anderen Person verbunden sein zu können. Oder auch Verhaltensmuster, Krankheiten, Suchtkrankheiten, psychische Krankheiten, großer Stress, Beziehungsprobleme alles, was eben einen erwachsenen Menschen sehr belasten kann, kann die sichere Bindung zum eigenen Kind in gewisser Weise bedrohen. Es gibt natürlich diese schweren Fälle und dieses ganz unschöne und dramatische, was man auch vielleicht sich ganz leicht vorstellen kann, dass es eben auch traumatische Folgen kann. All das was ich gerade beschrieben habe, die augenscheinlich schwierigen Verhältnisse. Es gibt auch etwas subtilere oder nicht ganz so deutlich sichtbare Einflüsse, die zu einem Entwicklungstrauma oder einem Bindungstrauma führen können. Ich spreche jetzt nicht von dem Tod einer Bindungsperson, von dem gewaltsamen Elternhaus, sondern jetzt schauen wir uns die feineren Töne an, denn es ist so relevant das zu verstehen. Ich habe vorhin vom Stresstoleranzfenster gesprochen. Man könnte ganz vereinfachend sagen, dass alles was dazu führt, dass ein Kind außerhalb seines eigenen Stresstoleranzfensters landet und die Co-Regulation nicht gelingt, potenziell traumatisierend wirken kann. Das sich außerhalb des Stresstoleranzfensters zu befinden und dort alleingelassen zu sein oder eben nicht rausgeholt werden zu können, bedeutet für das Kind ein furchtbar hohes Ausmaß an Not. Es gibt etliche Beispiele in fast jeder Biografie, die für eine solche Situation stehen könnten. Beispielsweise das getrennt werden von einer Bindungsperson aus ganz guten Gründen. Vielleicht muss die Mutter zur Entbindung des zweiten Kindes ins Krankenhaus. Alles dauert länger und ist vielleicht kompliziert. Alle sind furchtbar aufgeregt und vielleicht sogar in großer Sorge. Das Kind ist vielleicht 3 Tage bei der Patentante und fühlt sich dort nicht sicher und nicht geborgen. Vielleicht muss ein Kind ins Krankenhaus und leider war es noch nicht immer so wie heute, dass es Familienzimmer gibt, sondern die meisten meiner Klienten/Klientinnen, die mit von Krankenhausgeschichten in ihrer Kindheit erzählen, waren allein im Krankenhaus und es gab sogar Besuchsverbote für die Eltern. Bei diesen Beispielen möge man sich vorstellen, in was für einen Zustand das Nervensystem eines kleinen Kindes geraten muss und wie es sich anfühlen muss da alleingelassen zu sein. Ein weiteres, tragisches Beispiel habe ich auch schon einmal genannt, wenn die Eltern ein sogenanntes „Schreitraining“ oder ich glaube es heißt „Schlaftraining“ mit ihren Kindern machen, wo sie das Kind nach einem Schema F über gewisse Zeitdauer allein lassen sollen, damit es lernt alleine zu sein. Was in diesem Moment passiert ist eine Traumatisierung zu provozieren. An diesem Beispiel möchte ich kurz bleiben, weil es im Grunde deutlich macht wie Bindungs- und Entwicklungstrauma ganz blank zu verstehen ist.

Wie traumatisierend mangelnde Co-Regualtion – ein Beispiel

Ein Kind wird abgelegt und soll schlafen. Es ist vielleicht in einem aufgewühlten Zustand, es ist es nicht gewohnt allein zu sein und es beginnt zu weinen. Das Weinen ist das Bindungsbedürfnis, was in diesem Moment ausgedrückt wird. Das Elternteil was den bescheuerten Schlaftrainingskurs macht, muss nun aber draußen vor der Türe warten. Entschuldige bitte meine Wertung, aber die ist hier aus meiner Sicht der Traumatherapeutin mehr als angebracht. Das bedeutet, das Kind erfährt in diesem Moment nach unserem Verständnis eine mangelnde Co-Regulation. Sein Stressniveau steigt, immer höher und höher, bis das Kind außerhalb des Stresstoleranzfensters landet. Die Mutter vor der Tür, vielleicht bereits im dritten Durchgang, ist bereits den Tränen nah, weil sie auch wahrnimmt, dass das Schreien ihres Kindes immer bedürftiger, angstvoller und immer größere Not ausdrückend wird. Nun befindet sich also das Kind außerhalb des Stresstoleranzfensters in einem ganz hohen Stressniveau, geflutet von Stresshormonen, in höchster Anspannung, höchster Not, ohne dass es einordnen könnte, was hier gerade passiert. Was passiert hier? Dieser Zustand prägt sich ein. Ich werde an einer anderen Stelle noch mehr über diesen Mechanismus beschreiben, der dann passiert, wenn das Kind aufhört zu weinen, aber das ist eine weitere eigene Folge wert. In diesem Moment provozieren wir ein Erleben, das die sichere Bindung in Frage stellt. Dass die Erfahrung generiert, doch nicht sicher zu sein, weil man im Zustand größter Not allein gelassen wird. Hier sei einfach nochmal deutlich gesagt, dieses Kind ist vielleicht ein Kind, was in einem sehr liebevollen, zugewandten Elternhaus aufwächst. Das mit Eltern zusammenlebt, die feinfühlig und zugewandt sind aber die von irgendjemandem eingebläut haben, so muss man seinem Kind das Schlafen beibringen. Hier setzt sich etwas ins Nervensystem, was als Erfahrung erhalten bleibt. Die mobilisierte Energie bleibt im Nervensystem erhalten. Hier ist nun diese Stressdynamik zu sehen, die ich vorhin beschrieben habe. Selbst wenn das Kind sich sicher gebunden fühlt, wird sich eine latente Spannung in seinem Nervensystem einprägen, die unter gewissen Umständen getriggert wird. Z.B. wenn es ums Schlafen geht oder wenn es ums sich trennen von einem Elternteil geht. An diesem Beispiel ist auch ganz gut zu erkennen, dass nicht eine ganze Kindheit traumatisierend sein muss, um eine Traumatisierung zu erfahren und gleichzeitig, dass dadurch nicht der ganze Mensch in seinem Sein als ein traumatisierter und vollkommen verwirrter Mensch im Leben steht. Dieses Kind entwickelt sich vielleicht ganz prima und ganz unauffällig und zur Freude seiner Eltern und wird trotzdem an einer Stelle in seinem tiefen Inneren erleben, eine gewisse Not fühlen unter gewissen auslösenden also triggernden Umständen. Häufig hat das dann mit Verlustängsten oder Alleinseinsängsten zu tun, mit Verlassenheitsängsten oder dem tief empfundenen Gefühl in großer Not keine Hilfe zu erhalten. Was prägt sich ins Nervensystem ein, wenn wir auf der Bindungsebene in unserer vulnerablen Entwicklungsphase Traumatisierungen erfahren, die eben entstehen durch eine mangelnde Co-Regulation? Es prägen sich ins Nervensystem verschiedene dysfunktionale Muster, die sich aus der Stressdynamik heraus entwickeln. Eine mangelnde Selbstregulation, ein grundlegendes übererregt sein oder ein grundlegendes untererregt sein (dazu in einer anderen Folge mehr) und manchmal sogar, prägen sich ganze Zustandsbilder ins Nervensystem ein. Ein Zustandsbild kann z.B. sein, Angst zu empfinden, Spannung im Nacken zu spüren und gleichzeitig das Gefühl zu haben, irgendwas stimmt hier nicht, ich fühle mich nicht wohl und nicht sicher. Traumatisierungen in diesem Lebensabschnitt können zu Entwicklungs- oder Bindungstrauma werden, je nach Schwere des Ereignisses. Wie gesagt, mit einzelnen Ereignissen ist ein Mensch auch im feinen, vulnerablen Zustand des Kindes nicht gleich schwer traumatisiert, aber es prägt sich etwas im Nervensystem ein, was später oder fortan zu Symptomen führt. Hier ist der Begriff des Traumas auch wieder ein bisschen ungünstig oder belastet, weil man sich unter Trauma oder Traumafolgen immer ganz katastrophale Zustände vorstellt.  Entwicklungstraumatisierende Umstände können sich sehr subtil im Späteren auswirken.

Wie wirkt sich ein Entwicklungs- oder Bindungstrauma aus?

Wie schon gesagt, auch in #43, bildet sich im Inneren eine gewisse Weltsicht, ein Menschen- und Selbstbild in dem Kind aus, je nachdem was es gelernt hat. Wenn es etwas Traumatisierendes gelernt hat, dann wird es die Welt als einen traumatisierenden Ort wahrnehmen. Ganz allgemein gesagt entwickelt sich aus Bindungs- und Entwicklungstrauma eine dysfunktionale Selbstregulation aus, weil das Kind durch die Entwicklungstraumatisierung keine gesunde Selbstregulation lernen konnte. Das kann sich auswirken in folgenden und natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, Symptomen oder Empfindungen: Es ist möglich, dass Menschen mit derartigen Traumatisierungen, sich grundlegend angespannt und aufgeregt fühlen. Dass es ihnen schwer fällt zur Ruhe zu kommen oder überhaupt Ruhe zu finden. Vielleicht kennen sie keine Zustände echter Ruhe oder Erholung. Auch auf einer emotionalen Ebene kann es sein, dass Menschen mit diesem Traumagefüge im Hintergrund, sich grundlegend einsam fühlen. Dass sie unter Bindungslosigkeit leiden. Dass sie sich auch unter Menschen einsam fühlen, allein und nicht geborgen. Menschen, die das erlebt haben, fühlen sich oft ohnmächtig, sie fühlen sich hilflos. Hilflosigkeit und Ohnmacht sind Gefühle, die ganz viel mit Alleinsein zu tun haben und mit dem Gefühl sich selbst nicht regulieren zu können und niemand ist da er hilft. Oft entwickeln diese Menschen eine Scheinautonomie, weil sie keine wirkliche Bindung in ihrem Inneren fühlen können, können sie auch nicht wirklich autonom sein. Sie schwanken also zwischen Abhängigkeit und Scheinautonomie hin und her. Oft gibt es auch eine Art Körperentfremdung. Wenn wir in so hohen Stress waren als kleine Kinder, mussten wir uns ein Stück von unserem Körper abspalten, gewissermaßen Dissoziieren, weil das Stressniveau im Körper zu krass war um es in voller Gänze zu fühlen. Es gibt also Probleme mit dem eigenen Körper. Oft begeben sich solche Menschen auf eine spirituelle suche und suchen alle Verbundenheit und Geborgenheit im Spirituellen. Nichts gegen die spirituelle Suche aber, Lauscher aufstellen, das kann auch ein Symptom sein, wenn diese Suche so tief und vielleicht sogar verzweifelt ist. Menschen mit Bindungstraumatisierung haben oft Wut, eine ganz ungerichtete Wut in sich, die oft aus der Ohnmacht kommt. Das Bild der Borderlinepersönlichkeitsstörung könnte ein Bild einer Traumafolge von Entwicklungstrauma und Bindungstrauma sein. Dazu vielleicht auch an einer anderen Stelle mehr. Vielleicht kannst du was anfangen mit dem Wort Borderlinepersönlichekeitsstörung. Außerdem gibt es natürlich ganz kreative Bindungsmuster, die aus einer solchen Traumatisierung entstehen. Menschen, die das erlitten haben, befinden sich oft in einem tiefen Sehnen nach wahrer Bindung, während sie gleichzeitig Bindung vermeiden, ängstlich sind oder ambivalent gegenüber Bindung sind, es gleichzeitig wollen aber gleichzeitig auch nicht. Das ist nun auch total vereinfacht gesagt. Wenn du dich in diesen Symptomen wiederfindest, dann lohnt es sich einmal einen Blick auf deine Biografie und auf das Gefühl der Geborgenheit und Bindungssicherheit, die du als Kind erlebst hast zu werfen.

Es ist nie zu spät über eine Traumatisierung hinauszuwachsen

Zum Abschluss im Schweinsgalopp noch etwas zur Hilfe. Natürlich ist das, was ich gerade beschrieben habe, wirklich wieder eine Nussschale, die ist so groß wie die Arche Noah und trotzdem passt nicht alles rein. Natürlich ist das was ich gesagt habe nur ein Ausschnitt zu dem was man noch über Bindungs- und Entwicklungstrauma sagen könnte. Trotzdem möchte ich hier jetzt noch zu dem Punkt der Unterstützung kommen. Was hilft, wenn man Bindungstrauma erfahren hat? Man darf, bzw. man muss sich damit auseinandersetzen, Selbstregulation zu lernen. Das ist ein Prozess, der braucht Zeit und er braucht Raum und er braucht jemanden, der hilft. Eine Bindungstraumatisierung, Entwicklungstraumatisierung zu heilen, geht nur in Interaktion mit anderen Menschen. Natürlich findet Heilung immer im Inneren statt, aber in der Interaktion ist der Ort wo das passiert, was Heilung bringt. Dort ist auch viel Beziehungsarbeit mit drin. Es ist so wichtig es überhaupt erst zu erkennen und zu verstehen, was man selbst erlitten hat und unter welchen triggernden Umständen alte Gefühle und Zustandsmuster aktiviert werden. Dann geht es darum korrigierende Erfahrungen zu machen, sich also auch mutig einzulassen auf neue Erfahrungen, natürlich mit Bewusstsein und nicht indem man sich reinstürzt. Und es geht viel um das Körperbewusstsein, es braucht eine Hinwendung zum eigenen Körperempfinden und Körpergefühl. Wie auch schon im letzten Podcast gesagt, eignet sich dazu vor allem das, wo achtsam gespürt wird, wo der Körper fein wahrgenommen wird und nicht nur gepusht wird. Ganz einfach gesagt alles, was deinem Nervensystem Beruhigung und Freude verschafft ist heilsam bei Bindungs- und Entwicklungstrauma. Ich möchte es nicht kleinreden, es braucht bei einem gewissen Maß an Traumatisierung fachliche Unterstützung. Sich auf die Reise zu begeben eine Traumatherapie zu machen, mit jemandem der sich auskennt, kann wirklich so lebensverändernd und wertvoll sein, dass ich es am liebsten jedem empfehlen möchte, ohne damit sagen zu wollen, dass jeder traumatisiert ist. Einfach zusammengefasst: Die Heilungsmöglichkeiten für Bindungs- und Entwicklungstrauma liegen in der Art Beziehung zu leben und zu gestalten, zu anderen Menschen auf dieser Welt (das müssen natürlich Herzensmenschen sein und keine toxischen). Heilungspotenziale liegen in der Zuwendung in der Beziehung zu dir selbst, sie liegen in der Erkenntnis deiner Erfahrungen, der traumatisierenden Erfahrungen und sie liegen vor allem auch in der Wahrnehmung deiner eigenen, körperlichen Reaktionen, die aus deinem Nervensystem entspringen, was einstmals geprägt wurde. Ich hoffe, dass meine kurze Zusammenfassung eines komplexen Themas trotzdem Klarheit geschaffen hat und nicht Verwirrung gestiftet hat. Wenn dem so sein sollte, dann schreibe mir was dich verwirrt oder was dir noch fehlt, um es zu verstehen und ich werde darauf eingehen. Noch zuletzt sei gesagt, es ist nie zu spät über eine Traumatisierung hinauszuwachsen. Etwas in dir ist immer größer und stärker als jede Erfahrung, die du bisher gemacht hast, sonst wärst du nicht mehr hier. Vertraue deiner Kraft, vertraue deinem inneren Lebenshunger, Lebenswillen und der Überlebenskraft die in dir jeden Tag für dich zur Verfügung steht und die du jetzt aus dem Überlebenskampf hin zu dem Lebensgestaltungspotenzial bewegen kannst.

In dieser Folge erfährst Du: 

  • was Entwicklungstrauma und Bindungstrauma ist
  • was für Symptome dadurch entstehen
  • was für Folgen das auf ein Leben haben kann
  • wieso eine sichere Bindung so wichtig ist
  • was ein heilsamer Weg sein kann

 

SHOWNOTES: 

Entwicklungstrauma heilen von Laurence Heller

 

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